Reisebericht - Ostercamp/Recherchereise

Belgrad - das Tor zum Orient?

Während über der Stadt die Sonne untergeht, lassen wir uns auf einer Wiese im Park der Festung von Belgrad nieder - zwanzig junge Menschen aus Deutschland, die gemeinsam in zehn Tagen Südosteuropa bereisen werden. Oder zumindest einen Teil davon.

Hinter uns liegen sechzehn Stunden Zugfahrt in Sechserabteilen, in denen Schlafen ungefähr so angenehm war wie in einer Sardinendose: Wir lagen fein zusammengefaltet dicht an dicht, natürlich versetzt zueinander, die Beine auf dem Sitz unseres Gegenübers, den Kopf Richtung  Dosenrand - respektive Rückenlehne - eingeknickt. Aber Nähe schafft ja bekanntlich Vertrauen. So lernt man sich wenigstens schon zu Beginn gut kennen.

Um auch den Rest gleich noch zu beschnuppern, spielen wir hier, auf der Wiese im Park der Festung von Belgrad, zwischen all den Belgrader Pärchen und Ausflüglern in guter alter SHL-Manier - ein Kennenlernspiel. Nachdem ich erfahren habe, wer welches Haustier hat, welches Instrument spielt und wie viele Geschwister hat und auch beruhigt feststellen durfte, dass die meisten meine Erwartungen in Sachen Schlafpensum, Zustand der Sanitäranlagen und Terminstress teilen, fühle ich mich bestärkt in dem Gedanken, dass mir eine aufregende Reise mit interessanten Gesprächen und vielfältigen Eindrücken bevorsteht.

Dies bestätigt sich bereits an unserem ersten Tag in Belgrad: ich lerne die traditionell fleisch-lastige Balkankost kennen, erfahre, womit sich die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Serbien befasst, spreche mit serbischen Schülervertretern und trinke die frischeste Zitronen-"Limunada" ever. Den krönenden Abschluss bildet der Besuch eines alternativen Festivals in einem Belgrader Jugendclub - ich fühle mich für einen Augenblick in das so liebgewonnene Kreuzberger Nachtleben versetzt. Nur die Gespräche verstehe ich hier nicht.

Der nächste Tag bietet die Gelegenheit, bei einer exklusiven Stadtführung mit Lukas, der gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr in Sarajevo verbringt, noch einmal einige Ecken der Stadt näher kennenzulernen. Ganz nebenbei gibt es eine Lektion "Geschichte Südosteuropas, bitte mundgerecht zum Mitnehmen".

"It's a technical mission" - zu Besuch bei EULEX und RTK

Die nächste Station erwartet uns schon: Pri?tina, Hauptstadt des Kosovo. Nach einer anstrengenden Busfahrt und einer halben Stunde Feilschen um den Taxipreis erreichen wir das Velania Guesthouse. Kurze Ruhepause und weiter geht?s: Wir verschaffen uns einen ersten Eindruck von Pri?tina, dem politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum des Kosovo.

Hier tagt das Parlament des Kosovo, das am 17. Februar 2008 mit der Proklamation der Republik Kosovo die Unabhängigkeit des Territoriums von Serbien erklärte. Zugleich befindet sich in Pri?tina der Hauptsitz der Rechtsstaatlichkeitsmission der EU im Kosovo (EULEX), die zum Ziel hat, dem frisch gegründeten Staat beim Aufbau von Polizei, Justiz und Verwaltung zu helfen.

Die Legitimation der Mission ist umstritten, sind doch die Truppen der Vereinten Nationen (UNMIK) noch immer vor Ort. Der Pressesprecher von EULEX jedenfalls, der uns Rede und Antwort steht, wird nicht müde zu betonen, dass es sich um eine rein technische, nicht eine politische Mission handelt, deren Arbeit sich deutlich von der der UN-Mission unterscheidet. Er erklärt uns weiter, dass EULEX die Zusammenarbeit mit den kosovarischen Medien sucht, um auch den Menschen ein positives Bild zu vermitteln und sich von UNMIK abzugrenzen. Dass sich die kosovarischen Medien nicht ganz so leicht beeindrucken lassen, zeigt ein Gespräch einige Stunden später mit einem Redakteur des einzigen öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders  des Kosovos, RTK (Radio Televizioni i Kosovës): "Wenn EULEX sagt, sie seien ab heute voll einsatzfähig, was tun wir dann? Wir gehen in den Norden [des Kosovo] und sehen, dass sie an der Grenze nicht patroullieren. Wie können sie also voll einsatzfähig sein?" Wir erfahren noch einiges mehr über die Medienlandschaft des Kosovo ? RTK ist von Spendengeldern abhängig und steht in permanenter Gefahr, von den Politikern vor Ort beeinflusst zu werden. "Wir müssen über so viele Aktivitäten des Parlaments und der Ministerien informieren, dass wir manchmal kaum Zeit haben, über das alltägliche Leben der Menschen zu berichten."

Das Besondere an RTK ist seine multi-ethnisches Zusammensetzung ? neben den albanischsprachigen Sendungen gibt es Programme für die Minderheiten im Kosovo: Serben, Roma, Bosnier, Türken. Im Büro arbeiten alle zusammen, was durchaus keine Selbstverständlichkeit ist.

Rahovec/Orahovac - geteilte Stadt

Gegen Mittag des nächsten Tages erreichen wir Rahovec ? auf Serbisch Orahovac, eine von den kosovarischen Städten, in denen Kosovo-Albaner und Serben strikt getrennt voneinander leben. SHL unterhält hier zwei Jugendzentren ? jeweils eins in beiden Teilen der Stadt.

Über gemeinsame Veranstaltungen soll gezielt etwas dafür getan werden, Jugendliche verschiedener Nationalitäten zusammenzubringen. Tomasz, der als Freiwilliger im Jugendzentrum arbeitet und schon mal in derbem Hamburger Dialekt darauf hinweist, wie er sich an seinen Job in Rahovec angepasst hat ? nämlich mit Vokuhila und Brillies am Ohr ? erzählt uns von seiner Arbeit hier und bringt uns mit jungen Kosovaren ins Gespräch.

Aktuell bietet das Jugendzentrum, das seit kurzem als eigene NGO fungiert, verschiedene Aktivitäten für die Jugendlichen an, so zum Beispiel Koch-, Sprach- und Computerkurse, Capoeira. Den Gitarrenunterricht leitet mittlerweile ein Junge aus Rahovec, der im letzten Jahr selbst erst als Teilnehmer dieses Kurses begonnen hat, Gitarre zu spielen.

In einer Diskussionsrunde, wie sie hier im Jugendzentrum regelmäßig statt finden, erfahren wir mehr über die Wünsche der Jugendlichen in Rahovec. Auch wenn die Perspektiven nicht die besten sind, viele von ihnen haben ein Ziel ? ein guter Schulabschluss, ein Wirtschaftsstudium in Pri?tina, ein Übersetzerbüro eröffnen. Damit sind sie den meisten in ihrem Alter voraus: In die benachbarte Schule gehen viele der Jugendlichen eigentlich nur, um sich mit ihrer Clique zu treffen, viele schwänzen den Unterricht, sitzen stattdessen auf dem Schulhof. Die Schuluniform, die eigentlich Pflicht ist, trägt nur ein Bruchteil der Schüler. Auch das ist ein Problem in Rahovec ? viele der Jugendlichen sind für das Jugendzentrum nicht zu erreichen, ihre Eltern verbieten ihnen, hinzugehen, sie müssen im Laden des Vaters arbeiten, auf dem Feld hinter dem Haus oder haben gar kein Interesse, irgendwelche Kurse zu belegen. "Für die meisten", so Tommy, ?ist es schon ein Ziel, ein bisschen Geld für ein Auto zu haben. Die wollen keine Deutschkurse machen, warum auch, wenn sie wissen, wie viele hier früher selbst in Deutschland waren und die Sprache viel besser beherrschen als sie.? SHL-Kosovo versucht durch Anleitungen zu einer sinnvollen und selbstinitiierten Freizeitgestaltung ein wenig die Perspektivlosigkeit zu bekämpfen und der Jugend eine Stimme in der Gemeinde zu geben. Leider geht es für uns noch am selben Abend weiter gen Süden.

Auf den Spuren serbischer Milizen

Es ist schon fast dunkel, als wir in Prizren am Busbahnhof ankommen. Das Berghaus, in dem wir übernachten werden, hat noch keiner unserer sonst so versierten Reiseleiter mit eigenen Augen gesehen. Eine halbe Stunde später taucht ein kleiner Bus mit 25 Plätzen auf, in dem wir mit all unserem Gepäck und zwei Dutzend Plastiktüten vom Supermarkt  (Heute Abend wird gekocht) kaum Platz finden. Ich habe das Glück, einen Fensterplatz zu ergattern, denn die kommende Dreiviertelstunde geht es über unbefestigte, staubige Serpentinen hoch in die Berge ?ar Planina über Prizren. Auf der einen Seite erstreckt sich das Tal der Bistrica, aus immer größer werdender Entfernung blicken wir auf das hell erleuchtete Prizren. Auf der anderen Seite: mehr Berge, mehr Serpentinen und hier und dort ein paar Häuser. Die Kulisse wird einzig beleuchtet durch den Vollmond, der die Berge in fahles Licht taucht, und die Scheinwerfer des Busses, die allerdings keine zwanzig Meter weit zu reichen scheinen.

Als wir unsere Unterkunft schließlich erreichen, befinden wir uns auf 1200 Höhenmetern. Die lang ersehnte Dusche wird warten müssen - Wasser wird hier nur zum Kochen angeheizt. Dafür, dass die Nacht nicht allzu kalt wird, sorgt die Tatsache, dass wir zu fünft auf gefühlten 10 Quadratmetern übernachten; auf den graugrünen Decken, die wir über die Schlafsäcke ziehen, prangt die Aufschrift "Bundes-Eigentum".

Am nächsten Abend erfahren wir vom Herbergsvater bei Wein und Tanz, dass dieses Berghaus zu Zeiten des Kosovokriegs als Stützpunkt der serbischen Paramilitärs im Kampf gegen die albanische Befreiungsarmee UÇK genutzt worden ist.

Stadtführung unter Militärschutz

Als erster Programmpunkt unseres Aufenthalts in Prizren steht die Besichtigung des KFOR-Lagers, einer Stadt in der Stadt. Den wenigsten der rund viertausend Soldaten aus sechs Ländern ist es erlaubt, das Lager zu verlassen. Ausgang gibt es nur unter ganz bestimmten Auflagen . So werden sie hier mit allem versorgt, was sie brauchen: Neben den Unterkünften finden sich ein kleiner Marktplatz mit DVD-Laden, das Restaurant "Oase", das jedoch mehr an eine österreichische Gaststube erinnert, ein Optiker, ein Ärztehaus, eine Wäscherei. Mittendrin ein Wegweiser, auf dem einige Orte verzeichnet sind, aus denen die Soldaten stammen - für das Heimatgefühl. Den größten Anteil, der hier im Süden des Kosovo stationierten Soldaten stellen Deutsche und Österreicher. Dementsprechend funktioniert offenbar alles nach deutscher Regelmäßigkeit, sogar der Müll, von dem ich nur mutmaßen kann, dass ihn die kosovarische Müllabfuhr ohnehin wieder zusammenschmeißt, wird wie zu Hause fein säuberlich in "Plastik", "Papier" und "Restmüll" getrennt. Wir besuchen ?Water World?, die Wasseraufbereitungsanlage, mit der das Wasser aus Prizren nach deutscher Trinkwassernorm aufbereitet wird.

Die Soldaten, die jeweils vier Monate in Prizren verbringen, werden mit Osterfest und Tanzabend bei Laune gehalten. Zu viel Freizeit bekommt den Soldaten nicht gut, klärt uns ein Feldwebel auf. Manch einem täte es gut, 6 oder 7 Tage in der Woche zu arbeiten, dann mache man sich nicht zu viele Gedanken.

Als wir in die Oase zurückkehren, um dort unser Mittagessen einzunehmen (Fast alle von uns haben "Schnitzel nach Jäger Art mit Pommes und Salat" bestellt ), tönt aus dem Radio ein Song von den "Ärzten". Ganz wie zu Hause eben.

 

Im Anschluss geht es in KFOR-Fahrzeugen in Richtung Prizren ? Zentrum. Da sich ein Bundeswehrbediensteter bereiterklärt hat, uns durch die Stadt zu führen, muss die KFOR unsere Sicherheit gewährleisten ? und ehe wir uns versehen, werden wir von sechs voll bewaffneten Soldaten begleitet, die die letzte Reihe nie aus den Augen lassen, uns Straßen freihalten und ansonsten stets für ein Späßchen mit staunenden Kindern zu haben sind. Ein bisschen unbehaglich fühle ich mich schon. Doch die Stadtführung fällt so auch interessanter aus, als wir sie allein hätten unternehmen können: Einige serbisch-orthodoxe Kirchen in Prizren stehen unter dem Schutz der KFOR und sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, seit während der Märzunruhen 2004 zahlreiche serbische Häuser und eine Kirche im Stadtzentrum in Brand gesetzt wurden. Wir haben das Glück, auch diese serbisch-orthodoxen Stätten besuchen zu können.

Der Tag endet mit einem Bummel durch Prizrens wunderschöne Altstadt, bevor es am nächsten Tag weiter nach Skopje geht, wo wir unter anderem ein Projekt für Straßenkinder in Shutka, dem größten Romaviertel des Balkans, besuchen.

Balkan Trip - die letzte

Unser letzter Abend in Skopje. Zu zweit drehen wir noch eine Runde durch das osmanische Viertel der Stadt. Zwei Straßen weiter spielen Kinder auf dem Sandhaufen einer Baustelle. Wir unterhalten uns mit einem Nussverkäufer auf Mazedonisch, von dem wir eigentlich kein Wort verstehen. Trotzdem erfahren wir, dass die Nüsse in seinem Laden besser seien als die importierten, die massenproduzierten aus der Türkei. Er bedeutet uns, die frisch gerösteten Erdnüsse zu kosten, die noch in der Pfanne unter dem Röstgerät liegen, das auf einem kleinen Stand vor dem Laden steht. Wir kaufen ein dutzend Papiertütchen mit verschiedenen gerösteten Nüssen, verabschieden uns freundlich und bummeln weiter durch die kleinen Gassen.

Auf dem Weg spricht uns ein Türke auf Deutsch an, als Ausländer erkennt man uns offenbar sofort, fragt, woher wir kommen, ob uns die Stadt gefällt. Er hat einige Jahre in Deutschland gelebt, viel mehr erfahren wir nicht, sein Begleiter wartet auf ihn. 

Eine Stunde später verabschieden wir uns von Tommy und Lukas, die uns die ganze Reise über geduldig begleitet haben. Sie erklären dem Taxifahrer noch, wohin er uns fahren soll und vereinbaren den Preis ? er spricht nur gebrochen Englisch. Das trübt den Unterhaltungswert dieser Fahrt jedoch nicht im Geringsten.

Es ist schon fast dunkel, die Luft etwas weniger staubig und stickig als den Tag über, auch der Verkehr nicht mehr so zähflüssig. ?Skopje very good!? lacht uns der Fahrer an, ein gedrungener Mann jenseits der vierzig, mit kurzem, vollem Haar, einem unscheinbaren Polohemd und einem Goldarmband. Ob das eine Frage oder eine Feststellung war, wissen wir nicht so genau, aber zur Bestätigung wiederholt es jede von uns ein paar mal, einige andere Floskeln eingestreut "nice weather", "schöne Stadt".

Auf die Frage, ob wir hier zum arbeiten oder Urlaub sind, erklären wir ihm, dass wir zuvor schon Belgrad, Pri?tina und Prizren bereist haben. Als hätte sich vor seinem geistigen Auge die Fahrtroute abgezeichnet, nickt er freudig und ruft anerkennend ?Aah, Balkan Trip!? worauf wir erneut bestätigend lächeln. Sprache ist eben mehr als Worte.

Sowohl Reden als auch Lachen vergehen uns jedoch für einen Moment, als der Mazedonier bei voller Fahrt auf der Autobahn plötzlich das Licht im Innenraum anschaltet, das Fahrzeug langsamer werden und seine Hand vom Schaltknüppel ins Handschuhfach wandern lässt, das er zu durchwühlen beginnt. Sein Blick schweift von der Straße ab, er hat das Auto aber offenbar unter Kontrolle. Dennoch wird uns ein wenig mulmig und ich beginne mich zu fragen, wonach er jetzt suchen könnte ? mitten auf der Autobahn, drei deutsche Mädels im Taxi ? Zigaretten? Taschentücher? Sehr plausibel scheint mir all das nicht.

Nach einigen Minuten scheint er gefunden zu haben, was er suchte . Er fummelt aus den Tiefen des Armaturenbretts eine schwarze, etwa buchgroße Ledermappe hervor. Mehr eine lose Blattsammlung denn ein Notizbuch, fängt er an, darin zu blättern, die Mappe halb auf den Schaltknüppel abstützend, halb mir in die Hand drückend. Als ich nun wirklich vollends verwirrt bin und offenbar etwas ungläubig schaue, hält er mir das Buch - natürlich lächelnd -  entgegen. Was da vor mir liegt ist eine Liste von Wörtern und Wendungen, die jeweils auf Mazedonisch und Deutsch geschrieben sind. Ich fange an zu lachen, zeige den beiden hinten, worum es sich handelt und wir beginnen mit unserem Sprachunterricht. Was an kyrillischen Buchstaben aus meinem Russischunterricht übrig geblieben ist, erlaubt es mir, einige mazedonische Wendungen laut vorzulesen. Unser Taxifahrer korrigiert mich, wir sprechen sie alle gemeinsam nach, Deutsch, Mazedonisch - und am Ende, wie gehabt: Lachen.

Am Flughafen angekommen verabschieden wir uns denn auch mit einem "dobro poschalovatj" - Gute Reise!

Bianca Geburek

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