Fasten ist schön, wenn man um Bajram weiß

von Valeria Nieberg, 19 Jahre
aus Sarajevo, Bosnien
Projekt Jugendmedienbereich
29.09.2009 11:41 Alter: 2 Monat(e)

Ganz Sarajevo feiert. Als am frühen Sonntagmorgen langsam die Dämmerung über die Stadt hereinbricht, schalten sich die Lichter an allen Moscheen an. Zu den Gebetsgesängen der Muezzins, die friedlich durch die Stadt hallen, gesellt sich das fröhliche Läuten von Kirchenglocken. Als ob sie mitfeiern wollen, bei diesem Fest. Es ist Bajram. 

Bajram Ramazan, das Fest des Fastenbrechens

Das Ramadanfest, Zuckerfest oder wie man hier in Bosnien sagt: Bajram Ramazan ist gleich nach dem Opferfest die zweiwichtigste religiöse Feierlichkeit im Islam. Bajram stellt den  Abschluss des Fastenmonats Ramadan (bosnisch: Ramazan) dar, der drei Tage lang intensiv von der muslimischen Gemeinschaft gefeiert wird. Traditionellerweise gehen die Männer am ersten Tag von Bajram um sieben Uhr morgens zur Moschee um dort zu beten (Rakʿā). Im Anschluss daran wird ein Friedhof aufgesucht, um Bittgebete (Koransure Al-Fatiha) für verstorbene Verwandte zu sprechen. Nach diesem rituellen Teil folgt der eigentliche Höhepunkt für viele der Feiernden: Während der drei Bajramtage wird festlich gegessen, bei Kaffee und Baklava kommt die gesamte Verwandtschaft zusammen. Man besucht sich gegenseitig und selbst entfernteste Familienmitglieder werden angerufen, damit man ihnen gratulieren kann: Bajram Serif Mubarek Olsun!

Aber wozu gratulieren sich Muslime da eigentlich? Wenn sie Bajram, das Fest der Liebe, der Barmherzigkeit und des Zusammenseins feiern, dann feiern sie das Leben. Während des heiligen Fastenmonats wurden sie tagtäglich an Verantwortung, Geduld, Selbstlosigkeit, an das Teilen und an Solidarität erinnert. Nach diesem Monat, der sie auf die Probe gestellt und an ihre Grenzen geführt hat, wird das Leben mit all seinen Aspekten, das Schöne am Leben, viel intensiver wahrgenommen. Und das spürt man auch als Nicht-Muslim ganz deutlich: Es herrscht eine unvergleichliche Ausgelassenheit und spürbare Lebensfreude bei den Menschen.

Muslimisches Fasten

In den dreißig Tagen vor Bajram fragte ich mein Gegenüber nach der Begrüßung oft: Posti? li danas ? fastest du heute? Fasten im muslimischen Sinne bedeutet: Während die Sonne am Himmel steht, darf nichts hinuntergeschluckt werden. Fastende dürfen während des Tages weder essen noch trinken, noch ist ihnen zum Beispiel die Einnahme von Medikamenten erlaubt. Einfacher gesagt: Dem Organismus darf nichts hinzu geführt werden. Zähneputzen zum Beispiel darf man! Man steht vor Sonnenaufgang auf, um Nahrung zu sich zu nehmen das erste Gebet zu sprechen. Über den Tag verteilt gibt noch drei weitere obligate Gebete, bevor, wenn die Sonne untergegangen ist, die Lichter an den Moscheen angeschaltet werden und das Fasten gebrochen werden kann. Die Familie findet sich zum festlichen Mahl, Iftah, ein.

Fasten ist allerdings weitaus mehr als eine Aneinanderkettung von Ritualen: Während des Ramazans besinnt man sich, zeigt Solidarität, verzichtet und schürt keinerlei bösen Hintergedanken. Das zumindest ist der Anspruch. Es ist ein wirklich friedlicher, selbstreflexiver Monat.

Übrigens: Das Muslimische Jahr orientiert sich am Mond. Das bedeutet, dass Ramazan nicht an Sommer gebunden ist. Vor allem momentan, da der Monat Ramazan in den Sommer fällt, ist Fasten eine unglaublich starke Belastung für den Körper. Deswegen waren die Straßen auch leer, meine Gastmutter - die einzige in meiner Familie, die fastete - lag kraftlos auf dem Sofa und schien teilweise ganz leblos.

Fasten ist nicht gut für den Körper, sondern für die Seele

Wie sie da lag, stand ihr die Selbstdisziplin quasi ins Gesicht geschrieben. Und die braucht man auch, denn während man fastet, darf man nicht einen Gedanken an das Gefastete verschwenden. Während man an seine Grenzen tritt, kommt man sich und seinem Glauben sehr nah. Und dabei hat man immer die eine Sicherheit: Iftah wird kommen, Bajram wird kommen. Mit diesem Wissen, in vollkommener Zuversicht, ist es leichter manchmal auch Qualen zu durchstehen, um hinterher gereinigt zu sein.

Wenn man dieses Sarajevo erlebt, dann weiß man, dass Fasten die Seele reinigt und für Neues öffnet. Und wenn man sich dieser Horizonterweiterung stets bewusst ist, wenn man um die Iftah weiß, dann ist der Prozess der Reinigung ein wirklich schöner Prozess. Ob dieser Prozess nun den Regeln des muslimischen Fastens oder den des österlichen Fastens folgt.  Oder ob er einfach ein ganz individueller Verzicht im alltäglichen Leben ist. Auf Menschen zum Beispiel, von denen man lange getrennt ist. Schön ist es, wenn man zuversichtlich sein kann: Verzicht reinigt und öffnet die Türen zu neuen, wahrscheinlich großartigen Erfahrungen.


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