Ein Spaziergang durch Spionica
Drei Wochen verbachte ich zu Beginn meines FSJs in einer Gastfamilie weit weg von Sarajevo: In Spionica bei Tuzla. Dort lernte ich nicht nur die Sprache und das Essen, sondern vor allem auch die Menschen kennen. Hier eine von vielen Erfahrungen, die ich dort machen durfte.
Aus der Tür unseres Hauses heraus tritt man in einen fruchtbaren, blühenden Garten. Die Sicht ist atemberaubend: Vor grasbewachsenen Hügeln erstreckt sich das Dorf Spionica. Eine Moschee, eine Sandsteinkirche und ein moderner Glockenturm ragen über rotgedeckte Häuserdächer hinaus. Ein nebliger Schleier hat sich an diesem Abend über diese idyllische Szenerie gelegt.
Heute machen Almira und Albina - meine beiden Gastschwestern - mit mir einen Spaziergang durch jenen Ort, der erst nach dem Krieg zu ihrer Heimat wurde. Nachdem die muslimische Familie aus der Serbischen Republik zur Flucht gezwungen wurde, lebten sie für fünf Jahre in Deutschland. Dann mussten sie zurück nach Hause, an einen fremden Ort: Spionica. Dass er für die beiden Mädchen schon längst zur Heimat geworden ist, beweisen sie mir schon bald darauf.
Wir verlassen unser Grundstück und finden uns sehr bald vor einer Sandsteinkirche wieder. Das sei die serbisch-orthodoxe Kirche, was man am Kreuz erkenne, erklärt Albina. Dann biegen wir in eine lebendige Straße ein. Nach wenigen Minuten erreichen wir den einzigen Laden des Ortes: Bingo. Hier spazieren junge Leute in der Dämmerung auf und ab, rufen sich mir unverständliche Worte zu. Auch wir werden oft lächelnd begrüßt: "Gdje si?" Almira antwortet freudig: "Evo me. Sta ima?" Kurz darauf wird es leerer, wir passieren große, moderne Häuser. Sie alle scheinen unbewohnt. Die Besitzer solcher Häuser leben und arbeiten im Ausland und können sich das deswegen leisten, meint Albina. Der bosnische Lohn reiche für solchen Luxus nicht aus. Wir verlassen das Zentrum und überqueren ungenutzte Bahnschienen. Es wird immer dunkler und Almira zeigt auf ein Gebäude in der Ferne: Die katholische Kirche. Auf dem Rückweg sehen wir eine Moschee, die königlich am Horizont thront.
In der Gegend um Tuzla war der Krieg nicht sehr präsent (Anm.: Hintergrundinformationen zur Situation während des Krieges in Tuzla folgen). Deswegen gestaltet sich das Zusammenleben der Bosniaken, Serben und Kroaten in einem Ort wie Spionica heute weniger problematisch als in anderen Teilen Bosnien-Hercegowinas. Man ist nicht nur Nachbar, man ist Kollege oder sogar Freund. Aber während wir durch den Ort spazierten und ich im Gespräch sehr viel über ihn erfuhr, fragte ich mich: Kann Spionica wirklich als Vorbild für den Rest von Bosnien gelten?
Meine Gastfamilie ist muslimischen Glaubens. Die Vier sind nicht nur sehr liberal, sondern vor allem auch offen. Mein Gastvater sagte einmal in sympathisch gebrochenen Deutsch zu mir: "Für mich alle Menschen gute sind. Ich mag Nachbarn!" Das ist mehr als Akzeptanz, das ist: Einen Schritt auf "die anderen" zuzumachen. Und das sagt er nicht nur so, tatsächlich befindet sich unter Familienfreunden z.B. auch eine nette kroatische Familie.
Doch ganz so vollkommen empfand ich diese Idylle dann doch nicht: Warum sind wir ausdrücklich zu kroatischen Freunden gefahren? Warum folgt jeder Charakterbeschreibung eine Ethnienzuordnung, oder geht dieser sogar voran? Der da ist Kroate, die Verkäuferin eben war Serbin. Ist die biologische Herkunft wirklich so persönlichkeitsbestimmend? Im Gegensatz zu einigen, wenigen größeren Städten ist in Spionica wirkliches Zusammenleben nämlich doch noch nicht möglich. So ist konvertieren wie auch außerhalb der eigen Ethnie heiraten unvorstellbar - Eltern könnten mit dieser Schmach nicht leben. Ethnienzugehörigkeit ist bestimmendes Identitätsmerkmal - auch im Kanton Tuzla. Doch wie gefährlich ist diese Art von Identitätsstiftung in einer multiethnischen Gesellschaft? Wieviele Unterschiede braucht Viefalt? In jedem Fall steht fest: Schnell führt eine solche Identitätsstiftung zu Schubladendenken. Außer man hat ein riesengroßes Herz, so wie mein Gastvater.





