Wie die Drina schmeckt

von Nikolai Schnarrenberger, 20 Jahre
aus Sarajevo, Bosnien
Projekt Schülervertretungsbereich
05.10.2009 11:06 Alter: 3 Monat(e)

Von Anglerglück konnte keine Rede sein; als wären die Fische heute anderswo zum Abendessen eingeladen. Im Stausee von Zvornik waren sie heute jedenfalls nicht, vielleicht tummelten sie sich irgendwo im Oberlauf der Drina, dieses geschichtsträchtigen bosnisch-serbischen Grenzflusses.

Djed (bosnisch für "Opa") hatte mich mitgenommen in "sein altes Zvornik", er hatte seinen Enkel eingepackt, ein paar Angeln, altes Brot, meinen Gastbruder Demir und mich. Gerade war er mit seiner zweiten Schachtel für heute fertig geworden und zündete sich die nächste Zigarette an, als wir zu ihm ins Auto stiegen: Fenster zu, Klimaanlage an.

Dieses Zvornik, das heute in der "Republika Srbska" liegt, -eine der beiden bosnischen Entitäten- war die erste bosnische Stadt gewesen, die damals von den Serben angegriffen wurde. Wie viele der bosnischen Muslime flohen auch Djed und die Eltern meiner Gastschwester Lejla. Heute lebt er in Tuzla und kommt oft hierher zurück um alte Freunde zu treffen und zu angeln. Doch so recht will uns Letzteres nicht gelingen. "Sie fangen nie etwas", verrät mir meine Gastmutter später beim Abendessen auf Deutsch, damit es Demir nicht versteht. "sie kaufen manchmal welchen und glauben, dass ich es nicht merke."

Es ist bereits dunkel als wir zurück nach Tuzla fahren, auf der Rückbank scheppern Demir und der Enkel mit ihren Handys. Djed flucht über die Autofahrer, schimpft über die Politik und erzählt mir von einem Urologen der zum Vize-Polizeichef ernannt wurde weil er die richtigen Leute kannte. Achja, die Drina schmeckt steinig weich und süß.