Ein ganz normaler Mittwoch aus meinem Leben in Skopje

von Henrike Pauling, 0 Jahre
aus Skopje, Mazedonien
Projekt Bildung für Roma
24.02.2011 12:11 Alter: 1 Monat(e)

Mein Leben hat sich seit ich die Schule verlassen habe, drastisch veraendert. Die Ablaufe sind anders, die Menschen, die Landschaft, das Essen, fast alles. Hier koennt ihr einen ganz normalen Tag von mir miterleben. Zwar bringt fast jeder Tag viele neue Dinge, Ueberraschungen und Veraenderungen, aber der Alltag sieht in etwa so aus...

Morgens wache ich auf, puenktlich wie immer, zwei oder drei Minuten vor dem Klingeln des Weckers. Ich glaube, das macht mein Gehirn absichtlich so, denn es gibt nichts, was ich so sehr verachte wie das Klingeln eines Weckers, wenn ich noch im Tiefschlaf bin. Ich mache ihn also aus und bringe mich mit allen Kraeften, die ich aufbringen kann, dazu mich aus all meinen Decken zu schaelen. Schweren Herzens verlasse ich die suese Waerme meines Bettes und tapse barfuss in die Kueche. Banane schneiden, Muesli und Milch zusammen mischen, Saft eingiessen, zurueck ins Bett fluechten vor der Kaelte in der Wohnung.

Langsam werde ich wacher, waehrend ich in der Sonne auf meinem Bett sitze und gemuetlich mein Fruehstueck zu mir nehme.
Anziehen, Zaehne putzen, ein Griff nach der Jacke und schon geht es los in den Verkehrsdjungel Skopje.
Ich laufe den Berg runter zur Bushaltestelle und geniesse jeden Augenblick der Landschaft, die kleinen Hauser, die Ziegenspuren vor mir auf dem Weg. Ich komme an einem Bach vorbei, der zu dieser Jahreszeit sehr voll ist von dem Schmelzwasser das aus den Bergen kommt.
Ich ueberquere die Bruecke, begruesse meine lieblings Verkauferin, die vor ihrem Laden mit zwei Kindern spielt.
"Henrika, kako si?"
"Danke, mir geht es gut!"
Sie lacht mir zu und ich stelle mich mit den anderen Menschen an die Bushaltestelle.
Eigentlich ist es eher eine ueberladene kleine Muellkippe mit einem daneben stehenden, undichten Unterstand, der bereits vom Gestruepp hinter der Haltestelle verschlungen wird.
Ich beobachte die Menschen gerne, da sind einige alte Damen mit Kopftuechern und gebluemten Roecken, die den Spatzen beim Warten kleine Koerner zuwerfen, einige Herren mit sonnengegerbtem Gesicht, junge blondierte Frauen mit perfekt geschminkten Augen, die ihre suedliche, karamellbraune Farbe zum Ausdruck bringen.
Auch Schulkinder stehen hier einige, die Morgenmuedigkeit noch in den Augen,  werden sie im Bus bald munter, beginnen sich zu schupsen, zu quatschen und zu lachen.
Der Bus ist uralt und der Busfahrer qualmt beim Fahren eine Zigarette nach der anderen, waehrend er mit viel Lebhaftigkeit in sein Handy spricht. Doch davon bekomme ich nicht viel mit, ich habe mein Tagebuch aus der Tasche geholt und schreibe bis zum Ende der Fahrt, wie jeden Tag.
Umsteigen, neuer Bus, Tagebuch bleibt in der Tasche, jetzt schaue ich aus dem Fenster. Blicke zunaechst auf die trostlosen Plattenbauten an denen die Farbe abblaettert, sehe die Menschen auf der Strasse, die Fahrradkarren ausfahren um Plastikflaschen und Altmetall ein zu sammeln, die Hunde, die in den Muelltonen nach Essbarem suchen.
Langsam verschwinden die Blockhauser und werden durch kleine bunte Hauser und Huetten ersetzt, wir naehren uns Shuto Orizari.
Sofort wird es noch belebter, der Bazer hat geoeffnet, die Sonne scheint, alles wird angeboten, Klamotten, Nahrung, Schmuck, Gebrauchsgegenstaende.
Sogar eine Art OBI gibt es, ausgebreitet auf einem Tapeziertisch. Hier kann man Werkzeuge, Naegel, Schrauben, Wasserhaehne und Seile kaufen.

Schliesslich haelt mein Bus, ich laufe hinueber ins Buero, legen meine Sachen ab und verschwinde ins Jugendzenter.
Viele Kinder bevoelkern bereits den Raum, spielen, machen Hausaufgaben, Puzzeln und toben.
Ein kleines Maedchen zupft an meinem Aermel, sie brauche Hilfe bei ihren Deutschhausaufgaben.
Die naechsten Stunden bringe ich damit zu, mit den Kindern lesen zu ueben, Grammatik zu pauken, Texte zu uebersetzen, Vokabeln zu lernen.
Es geht sehr bunt zu, viele Kinder sind bereits fertig mit ihren Aufgaben und machen Radau.
Mittagspause. Dann geht es weiter, Plusaufgaben korrigieren, Kinder beschaeftigen, mit ihnen basteln.
Ohne dass ich es gemerkt habe ist der Arbeitstag ploetzlich vorbei und ich wundere mich, als meine Kollegin die Kinder ploetzlich nach Hause schickt, so spaet schon?
Da heute Mittwoch ist fahre ich nach der Arbeit nicht nach Hause, sondern in die Stadt. Ich steige im albanischen Viertel aus und schlendere durch die ueber 500 Jahre alten Gassen, beschaue mir Laeden mit traditionellen Kleidern, bestickt mit glitzernden Steinen und schaue in die Schaufenster der Kontitoreien, die gezuckerte Datteln, Toertchen mit Pistatien und Nuessen anbieten.
Nach einem sehr leckeren Abendessen in meinem lieblings Restaurant mache ich mich auf zum Sport.
Der Trainer ist sehr gut, er schafft es mich an den Rand des Wahnsinns zu bringen mit kicken-kicken, boxen-boxen, kicken-kicken, boxen-boxen!
Vollkommen erschoepft, aber seelig, gluechlich laechelnd schmeisse ich mich spaeter auf einen freien Platz im Bus und bin froh, dass ich mich von da die naechsten 55 Minuten nicht weg bewegen muss.
Zuhause, nach dem ich den Berg wieder hoch gestapft bin, werde ich von einem warmen Feuer im Ofen begruesst. Ich hole schnell aus dem Garten ein paar weitere Holzscheite und waerme mir meine Finger an den Flammen.
Lesen, ausruhen und nachschauen, wie es den lieben Zuhause oder in ihren neuen Laendern geht. Denn ich bin nicht die einzige die nach der Schule von meinen Freunden ins Auslang ging.
Eine sehr gute Entscheidung.
Muede und entspannt lege ich mich spaeter in mein Bett und horche in die Nacht hinein.
Hunde bellen, Rauschen vom Wasser unten am Fluss.
Stille.