Mittwoch, 27.04.2011
Gestärkt mit Keksen und frischem Kräutertee in der Gastfamilie traf ich am Morgen, wie immer leicht verspätet, in einem Cafe auf die restliche Gruppe. Schulbesuche, ein Ausflug zu der antiken Stätte Apollonia, Gespräche mit den albanischen Jugendlichen und die Abschiedsparty am Abend - unser Terminplan war bis zum Besten gefüllt.
Nach der alltäglichen Ist-was-Runde brachen wir schliesslich zu den Schulen auf. Die öffentliche Schule und die Privatschule lagen direkt nebeneinander, nur durch eine dünne Betonmauer getrennt. Doch der Unterschied war himmelschreiend ? bei der öffentlichen Schule waren die Fenster zersplittert, die Farbe blätterte von den Wänden, auf dem Gelände wucherte überall Unkraut. Nur ein kleiner Sportplatz bietet Abwechslung vom ansonsten tristen Gebäude. Nebenan dagegen eine von mehreren Privatschulen in Fier. Wer seine Kinder hier zur Schule schicken will, muss ca. 150 Euro im Monat bezahlen. Eine stolze Summe, wenn man bedenkt, dass das Durchschnittseinkommen in Albanien bei ca. 250 Euro pro Monat liegt. An der Wand empfangen uns in der privaten Bildungseinrichtung zwei Plakate mit den Bildern der besten Schülern und ihren besonderen Leistungen, ein Wachmann in Uniform schlendert über den kleinen Schulhof. In der öffentlichen Schule dagegen selbstgebastelte Plakate zu England und Grünpflanzen, die allerdings von den Schülern von zuhause mitgebracht wurden. Doch das ist nicht alles, wie uns die Direktorin der Schule erklärt. Im Winter gibt es hier keine Heizung, entweder heisst es frieren oder die Kinder bringen ihren eigenen Heizstrahler mit. Während hier in der Pause buntes Treiben und lautes Geschrei herrscht, geht es hinter der Mauer geordnet zu. Hier gehen die Schüler in den blauen Uniformen in Zweierreihen, nach Klassen unterteilt, zurück in ihre Klassenräume. Und wieder zeigt sich ? Albanien ist ein Land der Gegensätze, die elitäre Privatschule liegt direkt neben der öffentlichen Schule im schlechten Zustand.
Nach diesen unterschiedlichen Eindrücken fuhren wir im Minibus nach Apollonia, einer antiken Stätte in der Nähe von Fier. Die antiken Säulen erinnerten mich an Griechenland, durch das bergige Umland mit Schafherden fühlte ich mich kurzzeitig nach Irland versetzt. Zuerst genoss ich die faszinierende Aussicht und später ein reichhaltiges Essen im Schatten. Darunter mediterraner Reis, Makkaroni, Hähnchenschenkel und Frosch. Wider Erwarten schmeckten mir die in Ei panierten Froschschenkel wirklich gut, das Fleisch erinnerte mich an eine Mischung aus Fisch- und Hähnchenfleisch. Und auch ein paar andere Gruppenmitglieder schwärmen noch jetzt vom schmackhaften Frosch und bedauern, dass diese Spezialität nur schwer in Deutschland zu bekommen ist.
Nachmittags trafen wir im Jugendzentrum wieder auf die albanischen Jugendlichen und kamen mittels verschiedener Methoden mit ihnen in regen Austausch über unsere Zukunftspläne, Hobbys, Familie und vieles mehr. So sollte jeder auf einem Bild darstellen, was er sich für seine Zukunft wünscht. Die meisten unserer Wünsche waren ähnlich - Glück, Familie und Freunde, ein schönes Haus, durch die Welt reisen... Beim Thema Familien taten sich da schon mehr Unterschiede auf. In Albanien pflegen viele sehr enge Beziehungen zu Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, während in Deutschland der Kontakt zu der weitläufigeren Verwandtschaft meist nicht so intensiv ausfällt.
Doch leider neigte sich unsere gemeinsame Zeit in Fier immer mehr dem Ende zu. So feierten wir am Abend bei Pizza und Bier eine Abschiedsparty und kamen dabei noch einmal mit vielen Jugendlichen ins Gespräch. Später schwangen wir zu traditionellen albanischen Klängen das Tanzbein und versuchten uns an einem albanischen Tanz, was manchen besser und manchen weniger gut gelang. Leider neigte sich die Feier gegen zehn schon wieder dem Ende zu, da die Gastgeschwister am nächsten Tag Schule hatten und dementsprechend früh nach Hause mussten.
Zuhause in meiner Gastfamilie machten wir letzte Erinnerungsfotos, meine Gastschwestern Anxhela und Livia zeigten mir nochmals einen albanischen Tanz. Ausserdem überreichten sie mir ein total nettes Abschiedsgeschenk ? ein Kaffeegeschirr, albanischen Kaffee und eine Art Kaffeekocher. ''Sodass du auch zuhause typisch albanischen Kaffee trinken und dich dabei an deine Zeit hier erinnern kannst?, meint meine Gastmutter. An meine schöne Zeit in Fier und bei meiner Gastfamilie werde ich sicher noch oft denken und auch eine Einladung im Sommer zurückzukommen, habe ich bekommen.


