Ein Friedhof voller Leben
Ich bin letztens, als ich einen freien Nachmittag vor mir hatte auf einen der Hügel in meinem Dorf geklettert, denn da oben befindet sich eine Kirche die ich mir bisher noch nicht angesehen hatte. Es ist eine orthodoxe Kirche, nicht besonders groß, eher wie eine kleine, uralte, steinerne Kapelle mit alten Wandmalereien und aus Sandstein erbaut. Ich kam die Straße empor gelaufen, der Fridhof lag im Sonnenschein vor mir, und öffnete das knarrende Friedhofstor. Mir ist mal aufgefallen, dass Friedhofstore eigentlich immer knarren, es scheint so, als sei es Absicht, dass keiner sie mal ölt.
Ich hatte bereits beim Vorbeifahren an den Friedhöfen in Mazedonien bemerkt, dass die Leute über manche Gräber eine Art Regenschirm stellen, der bunt mit Blumen geschmückt ist. Reichlich verrückt, denn ich glaube ernsthaft nicht, dass es die Toten stört, wenn die Erde über ihnen nass regnet, ich glaube eher, die haben ganz andere Sorgen. Dennoch ist es sehr liebevoll gemacht, man sieht, wie sehr sich die Menshen umeinander sorgen.
Ich überquerte den Friedhof, das lange Gras strich mir über die Fußgelenke, der blutrote Mohn wiegte sich im Wind und ich hatte von hier oben eine wundervolle Aussicht über mein Dorf, das eingekesselt in den Bergen liegt.
Eine Weile ließ ich mir den warmen Wind übers Gesicht streichen, bis ich mich schließlich den Gräbern zu wandte. Ich habe das schon immer gerne getan, die Namen und die Sprüche lesen, die Angehörige gerne in die Grabsteine eingravieren lassen, aber an diesen Gräbern war noch einiges mehr. Zu nächst einmal ist an jedem Grabstein das Bildnis des jeweiligen Verstorbenen angebracht. Das ist eine echt schöne Angewohnheit die in dieser Gegend praktiziert wird. Man steht dem Menschen mehr gegenüber, es ist, als wäre das Bild ein Fester aus dem Grabstein heraus. Als Betrachter versucht man automatisch sich den Menschen vor zu stellen. War es ein netter Mensch? Was hat er erlebt? Was waren seine Wünsche, seine Träume, die Geheimnisse, die er mit ins Grab genommen hat?
Sehr liebenswürdig, wenn auch etwas verrückt ist die Sitte auf die Grabplatten des verstorbenen Menschen Teller mit den herrlichsten Speisen zu stellen. Zugegebener Maßen natürlich längst nicht mehr genießbar, dennoch konnte man liebevoll hergerichtete Menüs entdecken mit Kokoskuchen, Obstplatten, mazedonischer Pita und Süßigkeiten. Viele Gräber hatten neben den Grabsteinen Weinflaschen stehen, einen Becher, Messer und Gabeln.
Die Familie und die Freunde hatten dem Verstorbenen was Feines zum schmausen gebacht, eigentlich recht widersprüchlich, wo doch der orthodoxe Glaube kein Leben nach dem Tod vorsieht und schon garkein so materielles Leben.
Einige Katzen hatten es sich auf den Grabplatten gemütlich gemacht und genossen das feudabele Mahl und schnurrten um die Wette mit dem Gesumm der Bienen die die Blumen plünderten.
An einigen Gräbern sah ich Leute sitzen, die an den Ruhestätten ihrer Lieben saßen und ein Picknick hielten. Einige Gräber hatten eine Art eigenen Garten, die waren eingezäunt und hatten eine oder mehrere Bänke auf hrem Grundstück stehen. Dort wurde sich unterhalten, jemand spielte traditionelle Musik. Die ganze Atmosphäre fand ich schön und dachte, ich würde mich wohl auch eher darüber freuen, wenn jemand an meinem Grab ein Picknick hielte und Musik spielte, als wenn jemand mit gedämpfter Stimme, sich unwohl fühlend, schnell ein paar Schnittblumen auf mein Grab würfe und dann Hackengas gäbe um wieder in die Welt der Lebenden zurück zu kehren.
Bis ganz oben auf den höchsten Punkt des Friedhofes kletterte ich, unterhielt mich mit den Grabsteinbildern und zählte satte Katzen die überall im Gras herum wuselten, bevor ich den Rückweg antrat, nach Hause in mein Dorf unterhalb des Friedhofes.


