Süßes Wasser und bunte Kleider
Meine Freundin und ich hatten uns im Viertel eine Zlatkarniza gesucht, das ist eine kleine Konditorei wo man sich für sehr wenig Geld mit zuckrigem Baklava und Eiscreme vollstopfen kann bis es einem zu den Ohren wieder heraus kommt.
Das schöne Fleckchen Erde nannte sich das " Kassandra" und lag in für das Viertel recht ruhiger Lage.
Wir genossen die Völlerei und als wir den Laden verlassen wollten sprach uns ein junger Mann an. Er erkundigte sich nach unserer Herkunft und überraschte uns mit seinem flüssigen Englisch, dass in dieser Gegend echt eine Besonderheit ist. Er war selbst nur auf Urlaub im Land, eigentlich käme er aus Italien und feiere nun die anstehenden Hochzeiten seiner Familie. Ob wir denn nicht Lust hätten einem solchen Event bei zu wohnen... aber klar hatten wir das!
Wir verabredeten, dass er uns am Sonntagvormittag aus meinem Stadtviertel abholen würde um dann mit uns alle Vorbereitungen gemeinsam zu treffen. Erst wunderten wir uns über die frühe Zeit, da das Hochzeitsspektakel erst am Abend stattfinden sollte, am Sonntag mussten wir dann aber einsehen, dass seine Zeitplanung vollkommen sinnvoll gewesen war. Nachdem wir einen Friseur gefunden hatten, der bereit war uns trotz großem Kundschaftsandrang zu frisieren, warteten wir geschlagene zwei Stunden gemeinsam mit 10 anderen Hochzeitsgästen darauf Locken, Spangen und Glitzer in die Haare zu bekommen. Unsere Hochzeit war an diesem Tag bei weitem nicht die einzige im Viertel!
Dann ging es sehr schnell, reiß, rupf, Haarspray und Unmengen Glitzerpuder und fertig war das Kunstwerk. Eine Steife Frisur aus Haarschnecken, Löckchen, Röllchen und zu meinem allergrößten Erstaunen war das ganze auch noch einigermaßen stabil.
Mit dem Fahrstil eines echten Italieners fuhr unser Gastgeber sämtliche Hochzeitsgäste zu sich nach Hause, wo die typischen mazedonsichen Toasts als Zwischensnack serviert wurden. Die Kinder tobten mit uns herum spielten feine Dame mit unseren Sticklis (Highheels) und sangen Hochzeitslieder:"Zeg zeg Dadumleee, zeg zeg zeg Dadumle...", ein Lied das ich wohl nie wieder vergessen werde.
Wir wurden ins Wohnzimmer geführt und uns wurden die Kostüme vorgeführt, die wir zur Hochzeit tragen sollten, denn auch wenn wir Deutsche waren mussten wir uns für eine Romahochzeit entsprechend kleiden!
Es waren drei Kostüme die uns zur Auswahl standen, ein rotes, über und über mit Palletten besticktes, ein lilafarbenes mit breitem, silberfarbenem Gürtel und voller Silberstaub und eines in Pink durch das goldene Fäden gewebt waren.
Die Oberteile bestanden aus Boleros die man über ein weißes Top zog das unten in den Rock geschoben wurde. Die Hosen musste man raffen und in den Bund stecken, sodass vorne eine Falte gebildet wurde in die man Kleinigkeiten legen konnte, wie eine Tasche oder- wie meine Freundin lachend meinte- wie ein Kangurubeutel.
Die siebzehnjährige Kusine unseres Gastgebers verlieh uns den letzten Schlff indem sie uns mit Unmengen Bronzepuder, Eyeliner und pinkem Lippenstift schminkte und uns bunte Blumen ins Haar steckte. Schließlich war man zufrieden mit uns und ich überlegte, kaum dass ich in meinem Kostüm steckte, wie zum Teufel ich so aufs Klo gehen könnte. Die Familie hatte nur ein Stehklo und die Kusine überlegte eine Weile und sagte dann:" Nein, besser du musst eben nicht auf Toilette!"
Guter Plan.
Schließlich ging es los, die ganze Familie stieg mit uns in einen Van, alle so heraus geputzt, wie es nur irgendwie möglich war und so fuhren wir mit schreiend lauter Musik in Richtung Heim des Bräutigams. Unser Gastgeber schärfte uns ein nur mit "Ja, Nein oder Danke " auf Fragen anderer Hochzeitsgäste zu antworten und ansonsten würden seine Tanten auf uns acht geben.
Kaum waren wir ausgestiegen fanden wir uns auch schon in einem Menschenstrudel aus tanzenden Frauen wieder die rytmisch die Schritte des Oro tanzten, Tücher schwenkten und sangen. Die Männer blieben außenrum stehen und schauten dem Treiben zu. Es gab Lifemusik und meine Freundin und ich versuchten verzweifelt irgendwie hinter die Schrittfolgen zu kommen, die schon die Kleinsten einfach im Blut zu haben schienen. Endlich geschafft, kaum hatten wir den Blick von unseren Füßen lösen können und auch ein wenig unverkrampfter tanzen können, da kam die nächste Schrittfolge. Na macht nichts, man lächelte uns zu, lachte mit uns wir wurden überall freundlich aufgenommen und es machte riesigen Spaß. Es war irgendwie vollkommen unwirklich. Die Farben, die Musik, die Menschen in ihren Trachten, wie ein Eintauchen in eine vollkommen fremde Welt.
Der nächste Aufbruch, es ging weiter zur nächsten Station, alle bekamen ein Handtuch für ihr Auto, mit dem sie ihre Scheibenwischer schmückten, laut hupend und im Affenzahn ging es weiter nach Shutka. Auf der Rückbank-wir fünf überhitzten jungen Frauen (wir fuhren mit drei weiteren Kusinen unseres Gastgebers) mit breiten Röcken die wir um uns wickelten, damit sie keinen Schaden nahmen. Trotz unserer glitzernden Vermummung versuchten wir zu tanzen, sangen die Lieder mit und machten mit unseren Handykameras Fotos.
Ein junger Mann im Auto neben uns schoss einige Male mit einer Waffe in die Luft, an einer Ampel stiegen die Leute aus und tanzten auf der Straße.
Wir erreichten das Haus der Braut und dort waren noch mehr Gäste versammelt die uns sofort in ihren Kreis aufnahmen und mit uns Oro tanzten. Wir tanzten in unseren hohen goldenen Schlappen durch den Sand, blieben stecken, verloren die Schule, verhederten uns in unseren Hosenröcken, aber es hatte etwas gemeinschaftliches, das gemeinsame Tanzen, Hand in Hand.
Ein Tablett wurde herum gereicht, durstig griffen wir nach dem Wasser- es was Zuckersirup...
Auf das süße Leben der Braut und runter damit!
Das Buffet wurde eröffnet und die Mutter unserer Familie schnapte sich einige Kotletts, Würstchen und Geflügelsteaks und verteilte sie an uns alle. Teller gab es nicht, wir aßen mit den Fingern, es wurde schließlich gefeiert und nicht sitsam gespeist.
Die Braut kam aus dem Haus, sie hatte ein unglaublich langes weißes Kleid an, Scleier, massenhaft Schmuck und auch sie wurde in den Kreis der Tanzenden eingegliedert und tanzte bis ihr ein weitereer, diesmal roter Schleier übergeworfen wurde. Wieder wurden einige Schüsse abgegeben und nun brachen alle mit den Autos auf. Von der Zeremonie des RIngetausches haben wir nichts mit bekommen, wir folgten einfach der Familie.
Es war schon dunkel, so lange hatten wir getanzt. Nun fuhren wir nach hause um uns um zu ziehen, denn im Restaurant wo die Feier fortgesetzt werden sollte trägt man keine traditionellen Kleider.
Das Gefühl für die Zeit war veroren gegangen, der Abend verschwamm, ein Wirbel aus Tänzen, Essen, Getränken die gereicht wurden und lauter Klarinettenmusik. Die bunten Farben die uns umhüllten, die Hitze, ein mazedonischer Sommernachtstraum.


