Die Hoffnung bleibt - zum Unabhängigkeitstag

von Ansgar Seng, 20 Jahre
aus Rahovec/Orahovac, Kosovo
Projekt Jugendzentrum
26.02.2010 18:22 Alter: 2 Monat(e)


Letzte Woche war also der 2. Jahrestag der Unabhängigkeit, die das kosovarische Parlament (von den VN als Teil der provisorischen Selbstregierungseinrichtungen eingerichtet) am 17. Feburar 2008 erklärte. Hashim Thaci, der damalige und heutige Premierminister, verlas die Erklärung öffentlich.

In einer Diskussionsrunde mit Jugendlichen über die Unabhängigkeit wurde deutlich, dass sich dieser Tag für die meisten der Jugendlichen  wie ein ganz normaler Tag anfühlt, mit dem Unterschied, dass eben schulfrei ist. Vor zwei Jahren sei der Tag noch etwas besonderes gewesen, sagten einige, aber nunmehr nicht, er ist schließlich "normal" und nichts neues mehr. Einer konnte jedoch behaupten, dass es sich gut anfühlt "frei" sein zu können und seinen eigenen Staat zu haben, worauf er stolz ist. Stolz deswegen, weil die Unabhängigkeit etwas ist, auf die der Kosovo schon 10 Jahre (oder schon seit 1958, wie ein geschichtsbelesener wusste) gewartet hatte. Stolz allerdings auch, weil die kosovo-albanische Freiheitsarmee UCK genau dafür kämpfte, und in diesem Kampf natürlich auch viele Albaner gefallen sind.

Ich selbst beging die Feierlichkeiten in Prishtina. Dort waren viele Straßen in der Innenstadt gesperrt, um Platz für die Menschenmassen zu schaffen, die sich auf dem Mutter-Theresa-Boulevard zusammenfanden. Für viele war es vielleicht einfach spaßig, in einer Menschenmasse zu stehen. Kinder knallerten mit Böllern,  Jugendliche hantierten mit Feuerwerken und viele schauten sich das Konzert auf der großen Bühne an. Am Nachmittag spielte im Stadion von Prishtina die albanische gegen die kosovarische Fußballnationalmannschaft.

In den Menschenmassen in der Innenstadt traf ich zufällig einen Bekannten, der am Morgen ein Radiointerview zur Unabhängigkeit gegeben hatte. Am Ende des Interviews hatte er gesagt, dass der Tag, an dem er wirklich glücklich sein würde, der Tag der Einheit von Kosovo und Albanien wäre. "Er hofft zu viel", war der Kommentar einer der Jugendlichen aus der Diskussionsgruppe dazu. Viele Menschen hofften schon vor 2 Jahren, dass mit der Unabhängigkeit und dem Ende der UNMIK-Administration sich schlagartig alles verbessern würde. Dass dies nicht der Fall war, ist den Leuten spätestens heute bewusst. Die Unabhängigkeit sehen viele nunmehr als einen von vielen Schritten auf dem Weg nach Europa. Was bleibt, ist die Hoffnung auf die Zukunft. Für wenige ein Großalbanien, für die meisten gute Schulbildung, verlässliche Infrastruktur, eine Perspektive auf Arbeit, die sich bezahlt macht und natürlich auch Reisefreiheit, die viele der Jugendlichen hier im Zentrum sehnsüchtig erwarten.


Die Diskussionsgruppe "Coffee & Grounds" etablierte mein Vorvorgänger Sebastian Illing. Jeden Freitag Abend diskutieren die Jugendlichen Themen, die sie selbst vorschlagen, bei einem Kaffee. Die Konversationssprache ist theoretisch Englisch, in der Praxis passiert es aber oft, dass heiß auf Albanisch diskutiert wird, dann aber ein Jugendlicher für mich und meine Mitfreiwillige Christin übersetzt.