Alte Freu(n)de

von Ansgar Seng, 20 Jahre
aus Rahovec/Orahovac, Kosovo
Projekt Jugendzentrum
22.01.2010 14:46 Alter: 2 Monat(e)

Eines Dienstag Abends im Dezember: Ich fühlte mich in der Zeit zurückversetzt...

 
PART I: Die Qebaptore "Shtavica 5" (sprich: Schtawiza Pess)

Nach der Arbeit im Jugendzentrum, es muss so gegen sieben oder acht Uhr gewesen sein, ging ich zu "Shtavica 5" - auch bekannt als der Burgerbrater Tommys Vertrauens. Nundenn, dort angekommen bestellte ich einen Hamburger bei den drei 15-17 jährigen Jungs, die auch in den Sommerferien den ganzen Tag über die Bude geschmissen haben - jetzt, zur Schulzeit, aber nur abends dort arbeiten. Immerhin ging der Smalltalk etwas besser als damals Ende August, als mein Vorgänger Tommy eines Tages weg gewesen war und ich fortan ganz auf mich allein gestellt war.


PART II: Die Gastfamilie

Nach diesem ersten "Revival-Erlebnis" ging es weiter zu meiner alten Gastfamilie, bei denen ich den September verbracht habe um etwas mehr von der balkanesischen Kultur mitzubekommen. Ihnen hatte ich schon seit etwa 1,5 Monaten keinen Besuch mehr abgestattet. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern vielmehr, weil es sich irgendwie nie ergeben hatte.

Meine Gasteltern Slavica und Milutin waren positiv überrascht mich zu sehen. Zu unserer aller Freude wurde es auch ein echt netter Abend. Sie boten mir "Srpski Caj" (serbischen Tee) an und erklärten mir den Unterschied zum "Schumski Caj" (kristallisierter Zucker und aufgekochter Trauben-Raki (Schnaps) - beim Schumski ein bisschen weniger Raki und dafür zusätzlich Wasser). Dazu gab es auch eine Art traditionell serbischen Grießbrei, dessen Namen ich leider schon wieder vergessen habe.

Wir unterhielten uns über viele Sachen: Über die Besuchergruppe aus Belgrad, die bei ihnen und mir und in vielen anderen serbischen Häusern in R/O übernachteten, meine und ihre Reisepläne für Weihnachten und Neujahr (sie ziehen für 4-5 Monate nach Belgrad, da sie ein Enkelkind bekommen), Skigebiete auf dem Balkan (Milutin hat in der jugoslawischen Armee "damals" in Slowenien das Skifahren gelernt), Milutins neulicher Einkauf unten, im albanischen Teil der Stadt.

Moment: Das ist für die meisten Serben in Rahovec/Orahovac nicht normal, und auch meine Gasteltern gingen in der Regel entweder im nahegelegenen serbischen Dorf Velica Hoca oder im größeren Supermarkt außerhalb der Stadt einkaufen, jedoch nie "unten". Stolz erzählte mein Gastvater, wie ihn unten ein paar albanische Männer erkannten, ihn freundlich begrüßten und sich nach seinem Wohlergehen erkundigten. Früher, vor dem Krieg, hatte er im Zentrum der Stadt ein Textilgeschäft gehabt.

Slavica und Milutin erklärten mir, dass es vor 3-4 Jahren noch ein Problem gewesen sei, als Serbe in den albanischen Teil zu gehen - heute aber nicht mehr. Leider gehört es aber trotzdem noch lange nicht zur Normalität. Ein Anhaltspunkt dafür ist die Tatsache, dass dies die erste dementsprechene Geschichte ist, die ich von meiner Gastfamilie gehört habe. Aber dass Milutin dies wagte und so froh davon berichtet, lässt doch hoffen!