Einblicke in das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben in Novi Sad
Schüler Helfen Leben bietet jungen Menschen aus Deutschland die Möglichkeit Auslandserfahrung zu sammeln und sich ehrenamtlich für Gleichaltrige auf dem Balkan einzusetzen. Im Jugendzentrum CK13 im nordserbischen Novi Sad arbeitet seit Anfang August Jakob (20). Für uns berichtet er von seinen ersten Erfahrungen und Eindrücken dort.
Hast du dich schon gut in die neue Umgebung eingelebt? Wie gefällt dir die Stadt und wie wohnst du?
Ja, ich habe mich recht schnell eingelebt, so habe ich mich eigentlich gleich Zuhause gefühlt. Sie ist mit über 400.000 Einwohner_innen keine Kleinstadt, aber doch sehr überschaubar. Die immer vollen Straßen wirken sehr belebt. Es gibt hier viele kleine, schöne Häuser und sehr viele kleine Geschäfte. Verglichen mit Deutschland oder Frankreich befindet sich hier die Wirtschaft eben noch in einer "Frühphase des Kapitalismus", das heißt die großen Konzerne und Einkaufszentren haben sich in vielen Bereichen noch nicht so durchgesetzt, obwohl sich in den letzten 20 Jahren wohl schon viel verändert hat.
Ich selbst wohne perfekt: sowohl zentral am Stadtkern um die Kathedrale als auch nah am Jugendzentrum CK13, wo ich arbeite. Ruhig ist es auch, da ich nämlich im Hinterhof mit Ausblick ins Grüne wohne.
Wie kommst du denn mit der neuen Sprache zurecht?
Och, ja, es geht voran. Meine aktiven Sprachkenntnisse sind noch bescheiden, aber das Verstehen klappt immer besser. Ich bin neulich mit dem Taxi von Zrenjanin, einer nahegelegenen Stadt, zurück nach Novi Sad gefahren. Der Fahrer hat die Fahrt über einiges erzählt - wovon doch recht viel auch bei mir angekommen ist.
Bilder aus dem CK13
Was ist das Programm des Jugendzentrums CK13, bei dem du als Freiwilliger arbeitest? Was passiert im Haus und wer nutzt eure Angebote?
Da gibt es viel zu erzählen! Neben den vielen einmaligen Veranstaltungen haben wir ein großes regelmäßiges Programm. Zum Beispiel ist bei uns im Haus dreimal in der Woche Konzertabend, bei denen die verschiedensten Bands auftreten: unterschiedlich in der Musikrichtung, im Bekanntheitsgrad und auch in ihrer Herkunft. Neben den einheimischen Musiker/-innen haben wir Gruppen aus den anderen Balkanländern und manchmal auch aus Westeuropa, Kanada oder den USA zu Gast. Einmal im Monat veranstalten wir das "Come Out & Play", bei dem junge Nachwuchsbands spielen und oft ihr Debüt feiern. Dabei müssen sie sich keine Gedanken um das Geld machen und bekommen zusätzlich noch Beratung von Leuten, die schon länger dabei sind. Gute Gruppen kommen wieder und spielen dann zum Beispiel als Vorband.
Außerdem zeigen wir regelmäßig Filme - sonst gibt es nämlich trotz der Größe der Stadt kein einziges richtiges Kino in Novi Sad! Ein/e Freiwillige/r wählt dann für ein Monatsthema - im September zum Beispiel "Migration" - drei Filme aus. Das Programm wird auch wegen dem freien Eintritt gut angenommen: es sind immer zwischen 20 und 50 Besucher_innen dabei.
Einmal im Monat veranstaltet die ebenfalls im Haus ansässige Lesbenorganisation NLO einen Künstlerinnenbasar, auf dem junge Frauen, die besonders stark von der hohen Arbeitslosenquote in Serbien betroffen sind, ihre selbstgemachten Waren verkaufen können: Schmuck, Kleidung, Hüte usw.
Darüber hinaus gibt es das wöchentliche Deutsch-Konversationstreffen "Stammtisch", der den Jugendlichen, die in der Schule Deutsch vor allem über Grammatik und Vokabeln lernen, die Möglichkeit gibt, ihre Fähigkeiten auch im Gespräch zu verfeinern; einmal im Monat einen "Poetry Slam", auf dem Selbstgeschriebenes vorgestellt wird, sowie Yoga, Tanzunterricht, einen Chor, einen Philosophielesezirkel, eine Jonglagegruppe und eine Theatergruppe. Im Haus ist also immer was los, und auch wenn die meisten Besucher/-innen zwischen 18 und 30 Jahren alt sind, finden sich je nach Angebot auch mal 14 oder 60-jährige ein.
Was sind deine Aufgaben?
Zum einen helfe ich beim bestehenden Programm, zum Beispiel in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, wo ich Faxe versende, Plakate aufklebe oder Flyer verteile. Außerdem unterstütze ich den Bereich Fundraising, indem ich zum Beispiel für die NLO mit deutschen Geldgebern kommuniziere. Darüber hinaus organisiere ich auch den "Stammtisch" und die "Offene Küche" ("Otvorena kuhinja"), bei der wir für alle Menschen gegen einen selbstgewählten Solibeitrag leckere Sachen aus Resten vom Markt kochen.
Was für Projekte liegen dir persönlich am Herzen? Hast du vielleicht schon Pläne für die kommenden Monate?
Ich habe ein Konzept geschrieben für den Aufbau eines Infoladens und einer interaktiven Mediathek. Bisher steht die hauseigene Bibliothek in unserem Büro. Das soll meiner Vorstellung nach unter das Dach ziehen und die Bibliothek für alle geöffnet und mit vielen zusätzlichen Texten, Readern, Zeitungen und Zeitschriften zu Politik, Umwelt und den verschiedensten gesellschaftlichen Themen angereichert werden. Außerdem soll es dort einen Computerarbeitsplatz mit Internetzugriff geben - der ist nämlich nicht für alle Menschen in der Stadt eine Selbstverständlichkeit. Der Computer soll dabei ebenfalls frei verfügbar sein - und langfristig gesehen nicht nur für den Konsum von Medien, sondern auch für die Produktion eigener Texte, Videos und anderem benutzt werden. Mit solch einem lebendigen Projekt wird den Menschen Weiterbildung auch abseits der Schule und der Mainstreammedien ermöglicht.
Außerdem habe ich das Gastspiel der Gruppe "Berlin Balkan Circus" Anfang November in der Stadt organisiert. Das sind zwölf Leute auf der Tour über den Balkan, die zahlreiche Workshops rund um den Zirkus anbieten: Jonglieren mit Bällen und Keulen, Stockdrehen, "Devil Sticks" selber basteln, eine Einführung ins Obertonsingen, Zweierakrobatik, Clownerie und Schattentheater für Kinder - das ganze Programm. Dazu gibt's eine offene Jam Session, eine Straßenaktion mit Infostand, der über Faschismus aufklären soll und eine Feuershow, die wir vom CK13 auch in die Innenstadt tragen wollen.
Novi Sad ist im Zentrum der wirtschaftlich stärksten Region Serbiens. Wie ist dein Eindruck, wie geht es den Menschen in der Stadt? Sind wie in Deutschland starke Unterschiede zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen festzustellen, oder geht es ihnen mehr oder weniger gleich gut - oder schlecht?
Es sind wie in Deutschland auch enorme Unterschiede zu beobachten. Zum einen gibt es Leute in Luxusschlitten, gigantische Häuser und ultrateure Hotels, zum anderen sichtbar viel Armut vor allem bei den Roma und alten Leuten. Jeder normale Hausmüll wird mindestens einmal am Tag durchsucht. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es aber eine sehr große Mitte. Diese ist aber weit entfernt von der Mittelschicht in Deutschland: Sie hat viel weniger Geld zur Verfügung, kommt damit zwar ganz gut über die Runden, Dinge wie Fahrräder oder Computer sind für sie aber auf jeden Fall größere Investitionen.
Wie äußert sich der gesteigerte Nationalismus im Alltag? Leben die verschiedenen ethnischen Gruppen in der Vojvodina voneinander getrennt oder Tür an Tür? Wo und wie treffen sie aufeinander?
Mit Ausnahme der meisten Roma wohnen tatsächlich alle Leute Tür an Tür. In der Stadt höre ich auch immer wieder viele verschiedene Sprachen, es sind aber unter den nicht-Roma keine großen Unterschiede zu entdecken. Das Stadtbild selbst ist durch Graffitis sehr nationalistisch geprägt. An jeder Ecke prangen die Zahlen "1389", dem Jahr in dem die Schlacht auf dem Amselfeld um den Kosovo stattfand, oder "1989", als Milošević auf demselbigen eine berüchtigte Rede hielt. Seit kurz vor dem Belgrader Pride sind auch viele homophobe Sprüche an den Wänden zu entdecken. Es gibt hier aber im Gegensatz zu manchen anderen Städten keine mir bekannten "No-go-Areas" und das CK13 - früher selbst mehrmals von Neonazis bedroht - hat schon spürbare Veränderungen hervorgerufen. Ein Zeichen dafür, dass auch durch kleine Gruppen schon viel erreicht werden kann.
Unterscheidet sich das Leben der Jugendlichen in Serbien von dem in Deutschland?
Ihr Alltag ist durchaus vergleichbar: In beiden Ländern müssen sie oft sehr lange in der Schule bleiben und sind anschließend ausgepowert und haben wenig Zeit und Kraft für andere Projekte. Abends gehen sie oft irgendwo Party machen und Alkohol trinken. Ein sehr großer Unterschied ist aber das Reisen. Für die meisten Deutschen eine Selbstverständlichkeit, war es für die Jugendlichen hier lange Zeit wegen der Visabeschränkungen nicht möglich und ist auch jetzt noch wegen fehlendem Geld sehr schwer. Das wirkt sich auf ganz viele Sachen aus: Sie kennen viel weniger Orte und andere Lebensweisen oder -möglichkeiten.
Im Vergleich zu Deutschland ist gefühlt auch die Passivität noch viel höher. Die Leute bringen sich kaum irgendwo ein. Ich kann mir vorstellen, dass das auch mit dem Krieg zusammenhängt, der bei vielen Menschen ein Gefühl der Machtlosigkeit hinterlassen hat. Außerdem fehlen ganz einfach die Angebote und für das eigenständige Organisieren von Projekten mangelt es an Erfahrung der Selbstorganisierung. Das zu ändern liegt natürlich nicht im Interesse der herrschenden Politik. Eine passive Gesellschaft lässt sich schließlich besser beherrschen. Die Leute sind zwar oft in politischen Parteien, aber weniger aus Überzeugung. Viele sehen ganz realistisch, dass sich über die Parteien nicht viel verändern lässt, aber immerhin verbessern sich durch eine Mitgliedschaft ihre Jobperspektiven.
Das CK13 ist deshalb in vielen Bereichen das Einzige seiner Art. Konzerte mögen auch anderswo veranstaltet werden, aber Räumlichkeiten und Unterstützung zur Verwirklichung eigener Projekte von Jugendlichen gibt es in dem Rahmen sonst nirgends. Das eine Lesbenorganisation hier ihren offiziellen Sitz hat ist sicher auch über Novi Sad hinaus einzigartig. Und so gibt es noch viele andere Dinge, in denen man das CK13 als Pionier bezeichnen könnte.
Mehr Eindrücke von unseren Freiwilligen in Deutschland und auf dem Balkan findet Ihr in den Blogs der Freiwilligen.
Hier gibt es Informationen über das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben im In- und Ausland.
