Einblicke in das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben in Skopje

 

Schüler Helfen Leben bietet jungen Menschen aus Deutschland die Möglichkeit Auslandserfahrung zu sammeln und sich ehrenamtlich für Gleichaltrige auf dem Balkan einzusetzen. Seit Anfang August 2010 arbeitet Henrike Pauling (19) als SHL-Auslandsfreiwillige bei der sozialen Initiative "NADEZ" in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. In einem Interview erzählt sie von sich, der Projektarbeit, der Lebenssituation der Kinder in Šutka, der weltweit einzigen Gemeinde in der Roma die Mehrheit der Bevölkerung stellen, und über das, was Roma-Flüchtlingen in Deutschland bei ihrer Abschiebung droht.

 

Hast du dich schon gut in die neue Umgebung eingelebt? Wie gefällt dir die Stadt und wie wohnst du?

Das ging alles relativ schnell: Zunächst gab es eine längere Zeit, in der ich noch nicht gearbeitet habe und deswegen die Stadt erkunden konnte. Als es dann im Projekt losging, musste ich mich innerhalb von wenigen Tagen einarbeiten, was aber auch gut geklappt hat.

Ich wohne im Haus meiner anfänglichen Gastfamilie, bei der ich ursprünglich nur die ersten paar Wochen bleiben sollte. Es hat mir hier aber so sehr gefallen, dass sie nun dauerhaft zu meinen Vermietern und ihre Tochter zu meiner Mitbewohnerin geworden sind. Das Haus liegt relativ weit ab vom Schuss auf halber Höhe am Berg, umgeben von sehr viel Natur. Morgens ziehen die Ziegen am Haus vorbei, manchmal stehen eine Kuh oder Hühner auf dem Weg und wir haben einen großen Garten mit viel Obst und Gemüse, so dass man im Sommer fast nichts kaufen muss. Nur für den Käse, der mir hin und wieder fehlt, nehme ich dann schon einmal die Stunde Busfahrt bis in die Stadt auf mich. Für mich lebt es sich hier sehr gut!

Die Stadt selbst gab für mich zunächst ein überraschendes Bild: Ich hatte nicht das Gefühl in ein anderes Land gefahren, sondern vielmehr dreißig Jahre oder mehr zurückversetzt worden zu sein. Überall fahren sehr alte Busse noch aus den 50er Jahren herum, das alles wirkt nicht wie eine Landeshauptstadt. Ich mag es aber sehr, durch das fünfhundert Jahre alte albanische Viertel spazieren zu gehen. Darüber hinaus gibt es aber kaum Altbauten, da die Stadt 1963 von einem schweren Erdbeben fast vollständig zerstört wurde. Deswegen gibt es hier noch mehr sozialistische Plattenbauten als anderswo auf dem Balkan.

Inzwischen sehe ich das alles als mein Zuhause an und versuche die Lebensumstände in Skopje als normal anzusehen. Für einfache Besucher der Stadt ist das aber sicher etwas anderes, als ich Gäste aus Deutschland da hatte, waren sie vor allem von der Roma-Siedlung Šutka sichtlich überfordert.

 

Wie kommst du denn mit der neuen Sprache zurecht?

Ich habe Mazedonisch sehr schnell erlernt weil ich so oft mit den Kindern aus dem Projekt spreche. Sprachbarrieren gibt es für mich kaum, denn auch wenn meine Grammatik vielleicht noch nicht perfekt ist, verstehen mich die Menschen trotzdem und sprechen ganz normal mit mir. Nur die Roma-Sprache kann ich nicht lernen, da die Menschen in Šutka ursprünglich oft aus völlig unterschiedlichen Gegenden kommen und deshalb auch verschiedene Dialekte sprechen - das ist nicht zu überschauen.

Bilder aus dem "Nadez"-Projekt

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Was für Arbeit macht das "Zentrum für soziale Initiative NADEZ", bei dem du deinen Freiwilligendienst leistest, konkret? Wem soll geholfen werden?

Unser Hauptziel ist es, Roma-Kindern eine Chance auf eine bessere Zukunft zu geben. Der wichtigste Ansatzpunkt dafür ist die Bildung: Nur sie kann ihre Situation nachhaltig zum Besseren verändern. Wir geben zwar auch humanitäre Hilfe, aber nur, um dadurch die Familien besser zu erreichen und ihnen die Bildung ihrer Kinder nahe zu bringen. Für sich allein genommen ist humanitäre Hilfe ein Loch, das sich nicht stillen lässt.

Derzeit können wir 250 Kinder im Schulalter unterstützen. Wir sprechen mit ihren Eltern und überzeugen sie so erst einmal von der Wichtigkeit der Schulbildung. Außerdem veranstalten wir Workshops zum Thema Hygiene und verteilen Hygieneartikel, damit die Kinder überhaupt die Sauberkeitsstandards der Schulen erfüllen und nicht gleich wieder nach Hause geschickt werden. Von diesen 250 können wir zwölf auch darüber hinaus unterstützen, zum Beispiel mit einem Stipendium für die weitergehende Schule - mehr Kapazitäten haben wir aber einfach nicht.

In der Straßen- oder besser Feldarbeit ("field work") gehen wir durch das Viertel, sprechen mit den Menschen und geben ihnen Hinweise welche Hilfe sie bekommen können und wie und wo sie zu beantragen ist. Darüber hinaus helfen wir den Familien mit Waren des alltäglichen Lebens: Kleidung, Schuhe, Matratzen, Spielsachen, Waschmittel, Werkzeug oder Fahrräder. Außerdem passen wir auf, dass die Kinder auch wirklich zur Schule gehen. Für die weiter entfernt wohnenden gibt es Bustickets und wir sorgen dafür, dass die Kinder in der Schule auch etwas zu essen haben.

 

Was sind deine Aufgaben und wieviel siehst du von der Lebenssituation der Roma?

Ich hab viele Aufgabenbereiche, da ich dabei ja auch etwas lernen soll. In unserem Jugendzentrum bin ich für die Hausaufgabenbetreuung der Kinder zuständig, außerdem bereite ich sie auf Tests in der Schule vor und gebe auch Sportunterricht oder veranstalte Bastel- & und Malaktionen.

Bei der Feldarbeit mache ich besonders gerne mit. Die Menschen kennen mich schon und freuen sich mich zu sehen. Die humanitäre Hilfe ist natürlich auch eine dankbare Aufgabe, da gibt es schon mal große Kinderaugen wenn wir Spielzeug verteilen. Andererseits können wir leider nicht ganz Šutka versorgen, und die Menschen die nicht in unserem Programm sind, warten manchmal vor unserem Lagerhaus, hämmern an den Türen - weil sie die Sachen natürlich auch brauchen.

Šutka an sich ist gar nicht so sehr das Problem, die Situation in den Außenbezirken ist viel schlimmer. Wir sind eigentlich auch die einzige Organisation die dort arbeitet. Wegen der mitunter großen Strecken in dem weitläufigen Stadtgebiet ist Hilfe dort umständlich und kostet viel. Es kümmert sich also außer uns niemand um sie. Während es in Šutka größtenteils Wasser, Elektrizität und Einkaufsmöglichkeiten gibt, fehlt es außerhalb wirklich an allem. Die Menschen dort haben kein Wasser, können also nicht ihre Sachen waschen und werfen sie deswegen nach einiger Zeit weg.

 

Wie reagieren die Eltern darauf, dass ihre Kinder ermutigt werden offizielle Bildungseinrichtungen zu besuchen? Was für Probleme entstehen, wenn die Kinder selbst arbeiten oder sich um ihre Geschwister kümmern sollen und wie versucht ihr sie zu lösen?

Die Workshops mit den Eltern, in denen wir ihnen erklären warum die Schule für ihre Kinder so wichtig ist, funktionieren ganz gut. Wir müssen sie zwar mehr als einmal an den Termin erinnern, aber sie kommen dann auch größtenteils vorbei, weil sie im Gegenzug eben auch humanitäre Hilfe bekommen - das ist ein ganz guter Tausch, finde ich. Wenn Familien weiter weg wohnen, holen wir sie auch mit unserem Transporter ab.

Die Kinder kommen dann tatsächlich auch regelmäßig zur Schule, darauf achten wir schon. Nur an Feiertagen, an denen sie mit Betteln besonders viel Geld machen können, bleiben sie fern. Aber das ist uns schon klar und wir wissen damit umzugehen.

 

Derzeit versuchen viele Roma-Familien auszuwandern, kehren aber zum Teil schon kurz darauf desillusioniert zurück. Welche Probleme entstehen daraus?

In Mazedonien gibt es ein Gesetz, das besagt, dass Menschen, die sich über eine bestimmte Zeit hinaus im Ausland aufgehalten haben, für eine Weile keine humanitäre Hilfe erhalten dürfen. Damit soll erreicht werden, dass sie das Land nicht verlassen. Die meisten Roma kennen aber diese Regelung nicht, kommen nach einem Auswanderungsversuch manchmal ohne alle Habseligkeiten, die sie zurücklassen mussten, zurück und können keine Hilfe erwarten. Aber auch diejenigen, die nicht so lange weg waren und weiterhin Anspruch auf humanitäre Unterstützung haben, stehen bei ihrer Rückkehr vor Problemen. Beispielsweise haben dann die Kinder im Unterricht den Anschluss verloren, was auf sie so demotivierend wirken kann, dass sie gar nicht mehr zur Schule kommen.

 

Was müsste deiner Meinung nach zur Verbesserung der Situation der Roma noch getan werden - von staatlicher Seite, durch internationale Hilfe und den Roma selbst?

Unsere Organisation bräuchte vor allem erst einmal mehr Geld und größere Lokalitäten. Es gibt so viel mehr Kinder als wir aufnehmen können und es ist so unfair nicht allen helfen zu können. Wir haben in unserem Zentrum nicht einmal genug Platz, um viele Aktivitäten anbieten zu können.

Außerdem muss sich die Qualität der Schulbildung verbessern. Die Kinder haben zum Teil auch nach Jahren in der Schule fast nichts gelernt. Und auch eine weitere Erziehung und Information der Eltern ist dringend nötig: Sie lassen ihre Kinder barfuß auf Müllhalden mit toten Tieren rumklettern und wissen einfach nicht, dass so etwas zu Krankheiten führt.

Ein anderes großes Problem ist die Diskriminierung der Roma. Die vielen Vorurteile gegen sie treffen zwar teilweise zu, aber sie leiden sehr unter der Situation. Ich hab sogar einmal gesehen, wie an einer Ampel jemand einem bettelnden fünfjährigen Roma über die Füße gefahren ist. Es gibt kaum Kontakte zwischen Mazedoniern und Roma, ich persönlich habe noch keine Freundschaften zwischen den beiden Gruppen kennengelernt. Es gibt also eine starke Segregation.

 

Das Leben der Roma erscheint in vielen Filmen, die auf dem Balkan spielen doch sehr folkloristisch verklärt. Wieviel von dem, was in "Knjiga Rekorda Šutke" oder Filmen von Kusturica, wie "Dom Za Vešanje" gezeigt wird, entspricht der Realität?

Was dort gut rüberkommt ist der Zwiespalt zwischen dem Witzigen und für westliche Betrachter fast schon Abstoßendem. Eine lustige Anekdote in dieser Richtung könnt ihr auf meinem Blog nachlesen. Solche Szenen gibt es also. Die Menschen feiern viel und gerne, das ist eine der größten Freuden, die sie haben. Das heißt aber nicht, dass das ganze Leben so ist: Die unglaubliche Fröhlichkeit und Freundlichkeit der Menschen ist eben auch eine Lebenseinstellung, um ihre schwere Situation aushalten zu können.

 

In Deutschland droht tausenden Roma - vor allem Flüchtlingen aus dem Kosovo - die Abschiebung zurück in die Balkanländer. Was glaubst du würde für sie eine Rückkehr bedeuten?

Ich weiß nicht wie schlimm es im Kosovo aussieht, aber eine Rückkehr aus Deutschland nach Šutka ist für die Betroffenen ein schrecklicher Einschnitt: Plötzlich ist fließendes Wasser keine Selbstverständlichkeit mehr, genauso wie Elektrizität, die Hütten sind klein und verschimmelt. Außerdem sprechen die in Deutschland aufgewachsenen Kinder natürlich nicht die mazedonische Sprache und müssen hier die erste Klasse besuchen - egal ob sie dafür bereits viel zu alt sind. Sie müssen ihren gesamten Freundeskreis zurücklassen. Es muss der totale Alptraum sein. Die Abgeschobenen verlieren alles was ihnen je etwas bedeutet hat, außer ihrer Familie - die aber selber gerade einen enormen Kulturschock durchlebt.

 

Mehr Eindrücke von unseren Freiwilligen in Deutschland und auf dem Balkan findet Ihr in den Blogs der Freiwilligen.

Hier gibt es Informationen über das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben im In- und Ausland.