Einblicke in das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben in Sarajevo

Schüler Helfen Leben (SHL) bietet jungen Menschen aus Deutschland die Möglichkeit Auslandserfahrung zu sammeln und sich ehrenamtlich für Gleichaltrige auf dem Balkan einzusetzen. Lukas Meyer war bis zum Sommer 2009 im SHL-Büro in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo aktiv und zieht im Interview mit uns Resümee von den Erfahrungen, die er dort sammeln konnte. Zurück in Deutschland, ließ er sich in den Vorstand von SHL wählen. Heute studiert er in Göttingen und engagiert sich weiter für SHL und die Region.

 

Was war deine Motivation, einen Freiwilligendienst zu machen? Warum hast du ihn mit Schüler Helfen Leben und auf dem Balkan gemacht?

Schon zwei Jahre vor dem Abitur war ich mir sicher, dass ich nach der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen wollte. Auf diesem Wege sah ich die besten Möglichkeiten, neue Impulse aufzunehmen, daraus zu lernen und mit meinem Handeln Dinge zu verbessern. SHL hat dann sehr gut zu meinem Wunsch gepasst, ein FSJ mit Gestaltungsfreiheit und strukturellem zivilgesellschaftlichen Engagement auf dem Balkan zu machen. Das Prinzip, Jugendliche in ihrem Engagement in Deutschland und direkt auf dem Balkan zu unterstützen, hat mich begeistert. Der Balkan, den ich vorher noch nicht kannte, hat mich spätestens seit dem Lesen von Saša Stanišićs "Wie der Soldat das Grammofon repariert" fasziniert. Die kulturelle und religiöse Vielfalt, aber auch die politischen und ökonomischen Herausforderungen wollte ich sehr gerne kennenlernen.

 

Was waren deine zentralen Aufgaben bei Schüler Helfen Leben Sarajevo? An welchem Projekt hast du besonders gerne gearbeitet?

In erster Linie habe ich mit der bosnischen Schülervertretung ASuBiH (Asocijacija srednjoškolaca u Bosni i Hercegovini) gearbeitet. In der Anfangszeit half ich dort eher als Junge für alles mit, ich bereitete das Material für Seminare und Sitzungen vor, erledigte administrative Aufgaben und machte z.B. auch den Taxifahrer.  Nach der Eingewöhnungsphase stand ich dann in direktem Kontakt mit dem Vorstand und diskutierte mit ihnen die kurz- und langfristige Arbeit.

Während meines FSJs lief dann das Jugendprojektförderungsprogramm FOP (Fond za omladinske projekte) an. Hier arbeitete ich vordergründig bei der Projektauswahl und -begleitung. Pro Zyklus (es gab vier pro Jahr) analysierte ich bis zu 90 Anträge und diskutierte mit dem Team die fünf bis zehn Projekte, die wir unterstützen wollten. Im Folgenden begleiteten wir die Projekte, indem wir regelmäßigen Kontakt hielten und ihnen während der Implementierung einen Besuch abstatteten. Außerdem agierte ich auch als Werbefigur für FOP auf mehreren Messen und Kongressen, da ich durch meine Bosnisch-Kenntnisse als deutscher Jugendlicher eine gewisse Aufmerksamkeit bekam.

Abgesehen davon habe ich das Herbst- und Ostercamp geplant und begleitet. Aus Deutschland besuchten uns Jugendliche, denen ich den Balkan durch die Besichtigung bestimmter Orte, Besuche bei Institutionen und Jugendbegegnungen in zehn Tagen näher zu bringen versuchte.

Am meisten Spaß hatte ich zum Ende meines FSJs. Da habe ich in Kooperation mit Slaven, einem bosnischen Schauspieler, ein Straßentheaterprojekt zum Thema Segregation koordiniert. Mit einer Gruppe von bosnischen Jungschauspielern gestalteten wir eine Vorführung, die dann in Schulen in Kleinstädten gespielt wurde. Dies war ein schöner Abschluss für mich, da ich in diesem Projekt die Verantwortung trug - was ich mir noch zu Beginn des FSJs nicht zugetraut hätte - und somit voll gefordert war.

 

Beschreib doch bitte mal, wie ein normaler Tag eines Freiwilligen oder einer Freiwilligen bei SHL Sarajevo aussehen kann. 

Gegen 9 Uhr kam ich ins Büro und unterhielt mich mit meinen KollegInnen über das aktuelle Geschehen bei einem Kaffee. Dann checkte ich meine Mails und schrieb mir eine Agenda für den Tag. Dabei arbeitete ich viel mit Maida, der Schülervertretungs-Projektkoordinatorin und somit meiner direkten Mitstreiterin, zusammen. Wir besprachen die Arbeitsschritte und -teilung. Nebenbei koordinierte ich die Camps per Mail und Skype mit anderen SHL-Freiwilligen. Zum Mittagessen traf ich mich manchmal mit ASuBiH-Aktiven oder sonstigen Projektpartnern z. B. um Details zu einem Projekt zu besprechen. Häufig fuhr ich auch das Auto in die Werkstatt, da ich als Autobeauftragter dafür zuständig war. Als Blumenbeautragter habe ich manchmal auch um die Blumen gekümmert, was meine KollegInnen bis heute aber anders sehen. ;) Abends machte ich dann je nach Arbeitslage gegen 18 Uhr Feierabend, was in Zeiten hoher Beschäftigung allerdings auch ein wenig später werden konnte.

 

Bilder vom SHL-Büro in Sarajevo und dessen Arbeit

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Was waren die Herausforderungen während deines Freiwilligendienstes?

Zu Beginn litt ich unter der Sprachbarriere. Zwar sprechen die KollegInnen im Büro und auch sonst viele Jugendliche Deutsch oder Englisch. Doch der Zugang zu der lokalen Kultur blieb immer ein wenig limitiert. Besonders die älteren Menschen verstehen häufig nur Bosnisch. Also versuchte ich schließlich möglichst schnell die Sprache zu lernen, was aber nicht einfach war. Ich glaube auch, dass ich mich erst richtig wohl in Bosnien fühlte, als ich die Sprache gut beherrschte, da ich mich so freier bewegen konnte und eine gewisse Sicherheit im Umgang mit den Menschen hatte.

Eine große Herausforderung war sicherlich auch, sich in dem neuen Arbeitsumfeld des Büros zurechtzufinden. Die Abläufe musste ich erst einmal verinnerlichen und schließlich begreifen, was für weitreichende Möglichkeiten ich von diesem Büro aus hatte. Dafür war natürlich auch kulturelles Verständnis notwendig, was bei der zwar charmanten, aber eben auch eigentümlichen bosnischen Lebensweise eine gewisse Zeit gedauert hat. Insbesondere zu Beginn tappte ich in das ein oder andere Fettnäpfchen. Außerdem spürte ich auch durch die Verantwortung, die ich trug, zeitweise eine hohe Belastung. Diesen Stress richtig zu verarbeiten, entspannt und motiviert zu bleiben, und den Fokus auf die Projekte zu behalten, war nicht immer einfach.

Die größte Herausforderung war aber mit Sicherheit der richtige Umgang mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen. Durch die Arbeit hatte ich auch mit Personen zu tun, mit denen ich zunächst nicht allzu viel teilte. Teilweise habe ich Verhaltensweisen schlicht nicht verstehen können. Trotzdem mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten und eine gemeinsame Motivation an einer Sache zu entwickeln war dabei eine große Kunst. Manchmal habe ich dieser Herausforderung standgehalten und mich zusammenraufen können, manchmal aber leider auch nicht.

 

Was war einer deiner schönsten Momente in dieser Zeit?

Die Vorführung des Straßentheaterprojektes im Zentrum Sarajevos war wahrscheinlich einer dieser Momente. Es war die letzte Vorführung, das Projekt war im Großen und Ganzen gelungen und ich schaute es mir mit mehreren bosnischen Freunden an. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich, dass ich kein Bildungstourist auf dem Balkan gewesen war, sondern dass ich ein wenig mit dem Land verwachsen bin und in Zusammenarbeit mit Lokalen etwas bewegt hatte.

 

Wie hast du die Region und die Menschen erlebt?

Die Region ist sehr polarisierend, von wunderschönen bis extrem hässlichen Orten habe ich auf dem Balkan eigentlich alles gesehen. Ein gutes Beispiel für diese Extreme ist auch das Stadtbild Sarajevos, in dem man viele osmanische, österreich-ungarische, jugoslawische und moderne westliche Elemente finden kann.

Die Menschen habe ich in der Regel als sehr offen und herzlich wahrgenommen. Dabei darf man sich von etwas raueren Aussprüchen und schwarzem Humor nicht abschrecken lassen. Außerdem habe ich die Bosnier sehr spontan erlebt. Sie waren meist schockiert, wenn ich an einem Montag von einem gemeinsamen Kaffeetrinken am kommenden Freitag sprach. Das spiegelte sich auch in der Gemütslage wieder: Meistens habe ich die Bosnier extrem gutgelaunt und scherzend, zuweilen aber auch plötzlich sehr melancholisch und nachdenklich erlebt.

 

Was sind die wichtigsten Erfahrungen, die du aus deinem Jahr auf dem Balkan mitnimmst und welche Rolle spielen sie jetzt für dich?

Die wichtigste Erfahrung ist wohl, dass man sich nicht sträuben sollte neue Felder zu betreten. Dies habe ich sehr konsequent bei der täglichen Arbeit gespürt. Zunächst musste ich mich eingewöhnen, dann aber merkte ich mehr und mehr, was ich mit dem richtigen Umfeld, Verständnis und Ausdauer alles bewegen kann. Das eröffnet mir heute viele Möglichkeiten.

Außerdem wichtig war, einmal in einen völlig neuen sozialen und kulturellen Kontext zu geraten. Dabei habe ich mich zunächst häufig missverstanden gefühlt. Doch mit der Zeit spürte ich, dass ich mehr danach trachten sollte alles zu verstehen statt verstanden zu werden. Dies ist eine Erfahrung, die mir sehr hilft mit verschiedenen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Insgesamt machte ich mit dem FSJ auch die Erfahrung, mir mein kulturelles Wochenendhaus auf dem Balkan aufgebaut zu haben. Ich habe viele wunderschöne Orte und sehr nette Menschen kennengelernt, dort fühle ich mich willkommen und ich kehre gerne zurück.

 

Wie ging es für dich nach dem Jahr in Bosnien und Herzegowina weiter und in welchen Themen, die während deines Dienstes eine Rolle gespielt haben, engagierst du dich jetzt noch? 

Nach einem mäßig erfolgreichen Semester Philosophie und Wirtschaft in Bayreuth habe ich nun angefangen in Göttingen evangelische Theologie zu studieren. Wichtiger als mein Studium war aber die Zeit im Vereinsvorstand von SHL. Nachdem ich mich ein Jahr auf dem Balkan engagiert hatte, wollte ich in Deutschland weiterhin etwas für SHL tun, da meiner Ansicht nach sowohl der Verein in Deutschland als auch die Stiftung auf dem Balkan beispielhaft für zivilgesellschaftliches Jugendengagement und Verständigungsarbeit stehen.

Nach wie vor bin ich fest davon überzeugt, dass Jugendliche sich auf ihre Weise sehr erfolgreich engagieren können und deshalb am Geschehen partizipieren müssen. Bei SHL bin ich nun zwar nicht mehr im Vorstand, ich werde mich aber dennoch weiterhin engagieren.

Weiter beschäftigen werde ich mich mit der Verständigungsarbeit. In meinem FSJ habe ich mich viel mit den Schwierigkeiten des Zusammenlebens verschiedener Ethnien und Religionen befasst. Nach wie vor habe ich keine für mich befriedigende Antwort auf die Frage nach der Ursache für die Probleme, geschweige denn Lösungsansätze gefunden. Bei SHL habe ich zwar angefangen stärker an dieser Problematik zu arbeiten, doch sind dabei eigentlich nur noch weitere Fragen für mich aufgetaucht. Damit werde ich mich also weiterhin beschäftigen und daraus hoffentlich die ein oder andere Antwort abzuleiten wissen.

 

Mehr Eindrücke von unseren Freiwilligen in Deutschland und auf dem Balkan findet Ihr in den Blogs der Freiwilligen.

Hier gibt es Informationen über das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben im In- und Ausland.