"Balkan jetzt erst recht!" Unsere Podiumsdiskussion am Sozialen Tag 2009

Wir befinden uns in der saarländischen Landesvertretung in Berlin Mitte: Ministerialdirigent Jürgen Lennartz begrüßt uns enthusiastisch. "Ihre Podiumsdiskussion liegt mir besonders am Herzen. Ich kenne die Situation auf dem Balkan aus privaten Gründen gut und weiß, dass die Hilfsbedürftigkeit dieser Region weiterhin besteht."

Berlin, 18. Juni 2009. Jetzt flimmert der Videospot für den Sozialen Tag über die Leinwand hinter den Diskussionsteilnehmern, in dem eine schwarz-weiße Welt durch den heldenhaften Einsatz von Schülern bunt wird.

Die Moderatorin Verica Spasovska, Leiterin der Mittel- und Südosteuropa-Programme von der Deutschen Welle eröffnet die Diskussion und wendet sich an Sasa Stanisic. Der junge Schriftsteller aus der bosnischen Stadt Visegrad lebt seit seinem 14. Lebensjahr in Deutschland. Seine Texte verfasst er auf Deutsch. In seinem preisgekrönten Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" berichtet Sasa über die schwierige Lage in seiner Heimatstadt. Die Arbeit von Schüler Helfen Leben (SHL) sei dringend nötig, um den Menschen dort nicht das Gefühl zu geben, im Stich gelassen zu werden. "Meine Großmutter erzählte mir neulich am Telefon, das Jugendliche unseren Fluss, die Drina, entmüllt haben. Wenn selbst meiner Oma auffällt, was Schüler Helfen Leben anstößt, hat eure Arbeit eine große Wirkung!", scherzt Sasa.

Auch wenn es Projekte dieser Art gibt, die den Menschen Hoffnung machen, bleibt die Lage für die Menschen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens insgesamt Besorgnis erregend. Neben der von der Finanzkrise noch verstärkten hohen Arbeitslosigkeit und den gestiegenen Lebenshaltungskosten leiden die Balkanländer unter der schlechten Ausbildungssituation für junge Menschen, die zu Jugendarmut und -kriminalität führt. Außerdem haben in der letzten Zeit die Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen wieder zugenommen. So mahnt auch Marieluise Beck, Mitglied des Bundestages (Bündnis 90/Die Grünen) und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses: "Es gibt noch unendlich viel zu tun in der Friedensarbeit, für die Aussöhnung und die Überwindung des nationalistischen Denkens und inter-ethnischer Vorurteile in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens.

Spannende Diskussion auf dem Podium

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Aida Vehabovic, Leiterin des Büros von Schüler Helfen Leben in Sarajevo, schildert die Situation der Jugendlichen aus ihrem eigenen Land - Bosnien und Herzegowina: "Unsere Jugendlichen sind oft passiv und apathisch. Deshalb versuchen wir sie durch unsere Aktivitäten zum eigenen Denken anzuregen. Sie sollen nicht einfach die Sätze wiederholen, die sie im Fernsehen oder von den Eltern hören. Stattdessen müssen sie motiviert werden, selber über die Zukunft dieses Landes nachzudenken, ihre Meinung zu äußern und Verantwortung für einander zu übernehmen." Auch Aida hat in ihrer täglichen Arbeit mit Jugendlichen festgestellt, dass sich die Fronten zwischen den verschiedenen Ethnien in Bosnien und Herzegowina wieder verhärtet haben und die Gesellschaft nach wie vor geteilt ist. Dies möchte sie durch ihre Arbeit bei Schüler Helfen Leben ändern.

Hauke Kramm, erster Vorsitzender des SHL-Vereins und ehemaliger Freiwilliger bei SHL-Sarajevo berichtet über unser neuestes Projekt in Serbien: "Das am Sozialen Tag von den Schülerinnen und Schülern verdiente Geld geht unter anderem an eine Jugendorganisation in Zaječar in Ostserbien, mit der wir ab Oktober diesen Jahres beginnen werden, ein Jugendzentrum mit Ausbildungsmöglichkeiten für die Jugendlichen vor Ort aufzubauen. Durch Sprach- und Ausbildungskurse schaffen wir für sie Perspektiven."

Dann betritt Carsten Rasche, der gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr bei SHL im Bundesbüro macht und Mitorganisator des Sozialen Tages 2009 ist, das Rednerpult. Stolz verkündet er das Ergebnis des diesjährigen Sozialen Tages: "1111 Schulen haben teilgenommen, bzw. nehmen gerade noch teil. Damit werden wir nach Hochrechnungen 1,5 Millionen Euro einnehmen." Das Publikum klatscht begeistert.

Um einen besseren Eindruck der Situation der Jugendlichen in Bosnien und Herzegowina zu vermitteln, zeigt Aida Vehabovic im Anschluss an die Podiumsdiskussion einen Film. Er zeigt ein besonders krasses Beispiel für das Gegenteil von Völkerverständigung: Es geht um zwei Schulen unter einem Dach. Obwohl ihr Unterricht in ein und derselben Schule stattfindet, gehen die Schüler durch zwei verschiedene, nach Ethnien getrennte, Eingänge hinein und hinaus. Dies ist ein alltägliches Bild in Bosnien und Herzegowina. An vielen Schulen Bosnien und Herzegowinas sind die Klassen strikt nach Ethnien getrennt. Viele Schulhöfe sind durch Mauern geteilt, so dass die Kinder und Jugendlichen verschiedener ethnischer Gruppen keinen Kontakt untereinander haben können, auch wenn der Unterricht in ein und derselben Schule stattfindet. Schülerinnen und Schüler, die versuchen im Schulgebäude mit Gleichaltrigen der anderen Ethnie Kontakt aufzunehmen, werden von den Lehrern bestraft. Dadurch werden schon in den Köpfen junger Menschen Grenzen aufgebaut, die äußerst schwer zu überwinden sind. Das Publikum der Podiumsdiskussion ist schockiert über diese Spaltung, die durch die Gesellschaft Bosnien und Herzegowinas geht.

Abschließend gehen die Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer und Zuschauer ins Foyer der Landesvertretung, um über dem Buffet weiter zu diskutieren. Parallel hat die Presse Gelegenheit für Interviews.

Das Erfreuliche zuletzt: Sasa Stanisic möchte SHL gern weiter unterstützen und besucht schon im Juli das SHL-Büro in Sarajevo.

Auch Marieluise Beck ist von unserer Arbeit auf dem Balkan überzeugt. Wir finden es klasse, dass sie uns noch am selben Tag auf einer gut besuchten Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung zur europäischen Perspektive Bosnien und Herzegowinas als positives Beispiel einer Organisation, die sich für Jugendliche auf dem Balkan einsetzt, hervorgehoben hat.

Wir freuen uns über eine gelungene Diskussion und danken den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie allen anderen Beteiligten herzlich!