Eindrücke vom Marš Mira 2010

Jeder, der den Genozid in Srebrenica im Jahre 1995 nicht vergessen kann und möchte, kann beim Marš> Mira ("Friedensmarsch") mitlaufen. Der Marsch ist für viele Überlebende oder Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben, sehr wichtig. Viele von ihnen gehen in diesem Jahr zum ersten Mal mit. Eine Person, die im Juli am Marš Mira teilgenommen hat, hat uns nach ihrer Rückkehr ihre Eindrücke geschildert.

Srebrenica, 7-11. Juli 2010. Seit 2005 gibt es den Marš Mira, der auf Deutsch übersetzt "Friedensmarsch" heißt. Er wird organisiert, um an die Flucht von 10.000 bis 15.000 Jungen, Frauen und Männern durch die Wälder zu erinnern, nachdem serbische Truppen die muslimische Enklave Srebrenica besetzt hatten. Ungefähr 5.000 Menschen haben es geschafft, dem serbischen Militär durch die Wälder zu entkommen und zu überleben. Alle anderen wurden ermordet.

Die Stadt Srebrenica hatte ursprünglich 6.000 Einwohner. Seit 1993 gehörte sie zur Schutzzone der Vereinten Nationen. Innerhalb dieser lag die Stadt Potočari , in der 450 niederländische Blauhelm-Soldaten zur Sicherheit der Bevölkerung während des Krieges stationiert wurden. Zeitweilig suchten in Potočari 40.000 Kriegsflüchtlinge Schutz.

Heute ist Potočari ein Massenfriedhof und eine Gedenkstätte, auf dem die Ermordeten bzw. ihre Überreste liegen. 8.000 Menschen können dort bestattet werden. 4.000 gefüllte Gräber gibt es bereits. Es ist geplant, dass weitere Vermisste in den nächsten Jahren gefunden und auch in Potočari beerdigt werden.

Das Massaker

Im Juli 1995 nahm das serbische Militär die Enklave Srebrenica ein und begann vor den Augen der Blauhelmsoldaten mit der Aussonderung, Verschleppung und Ermordung muslimischer Männer. Anschließend vergruben die serbischen Truppen die Leichen in Massengräbern. Viele Gräber hoben sie kurz vor dem Dayton-Abkommen 1995 wieder aus, um den Massenmord zu verschleiern. So entstanden unzählige Sekundär- und Tertiärgräber, die noch längst nicht alle gefunden sind. Dies erschwert, die vermissten Leichen zu finden, zu ihren Angehörigen zurückzuführen und zu bestatten.

Tausende Teilnehmer gedenken der Opfer des Massakers

Der drei Tage dauernde und 120 Kilometer lange Friedensmarsch verläuft entgegengesetzt dem Fluchtweg, den die Jungen und Männer 1995 aus Srebrenica genommen haben. Er beginnt in Nezuk, in der Nähe von Tuzla, führt durch Wälder und Felder und endet in Potočari, von wo aus 1995 tausende Menschen in Richtung der VN-Schutzzone Tuzla flohen.

Die Teilnehmerzahl des Friedensmarsches nimmt jährlich zu. Dieses Jahr sind mehr als 6.000 Menschen dabei, darunter Überlebende des Massakers, Angehöriger der Opfer sowie Menschen, die den Genozid nicht vergessen und gemeinsam mit den Betroffenen trauern möchten. Aus allen Ländern der Welt kommen sie zum Friedensmarsch - aus Australien, Kanada, der Türkei, Deutschland, den USA, um nur ein paar Beispiele zu geben.

Die bosnische Armee leistet neben dem Roten Kreuz und vielen Freiwilligen logistische Unterstützung, stellt die Zelte, in denen die Teilnehmer schlafen und gab am Abend eine warme Mahlzeit aus.

Eindrücke vom Marš Mira

Mars Mira 1 sm

Mars Mira 2 sm

Mars Mira 3 sm

Mars Mira 4 sm

Mars Mira 5 sm

 

Ein Leben wie vor dem Krieg ist in Bosnien und Herzegowina noch lange nicht in Sicht

Der Marsch führt durch entlegene Dörfer, in denen viele Häuser noch heute in Schutt und Asche liegen, daneben steht dann plötzlich immer mal wieder ein neues Haus. Es gibt einige muslimische Rückkehrer in der Gegend. Diese sind sehr arm und bekommen nur wenig Unterstützung und Verständnis von der bosnischen Regierung. Einer alten Frau wurde zum Beispiel nach ihrer Rückkehr eine serbisch-orthodoxe Kirche vor ihr Haus gebaut. Jugendliche haben hier keine Perspektive. Viele versuchen so schnell wie möglich in die Städte zu ziehen, um dort Arbeit zu finden. Ganze Dörfer liegen nach wie vor verlassen da.

Als der Marsch durch die von Muslimen besiedelten Dörfern zieht, stehen plötzlich unzählige Menschen am Straßenrand und halten für die Teilnehmer des Marsches Erfrischungen bereit. Anders in den serbischen Dörfern - als der Marsch durch die serbischen Dörfer zieht, lässt sich niemand auf der Straße blicken. Haustüren sind verschlossen, Gardinen vor den Fenstern fest zugezogen. Als wäre niemand zu Hause. Nur serbische Polizisten bewachen kritisch die Situation und lassen ca. 6.000 Marschteilnehmer schweigend vorbeziehen. Auf einmal ist deutlich zu spüren, dass es bis heute Ängste, Vorurteile und Abneigung zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in Bosnien und Herzegowina gibt.

Gefahr der Instrumentalisierung

Während des Marsches sieht man immer mal wieder eine Gruppe arabischer junger Männer, die Fahnen an Kinder und Jugendliche verteilen und als der Marsch durch serbische Dörfer zieht laut fundamentalistische Parolen in Arabisch skandieren. Viele Teilnehmer des friedlichen Marsches empfinden das als klare Provokation, da die Veranstalter im Vorfeld extra zu friedlichem Verhalten aufgefordert haben und diese Männer aus ihrer Perspektive nichts mit Srebrenica und den Opfern zu tun haben.

Der Organisator des Marsches ist der stellvertretende Bürgermeister von Srebrenica, Ćamil Duraković. Er ist eine umstrittene Person. Einige Menschen sehen in ihm einen Helden, andere kritisieren, er habe sich durch den Krieg bereichert. Der Marš Mira scheint also vieles zu sein - Befreiung und Hilfe für die Überlebenden und Angehörigen der Opfer des Massakers. Gleichzeitig aber leider auch ein Ort, an dem versucht wird, Ideologien zu pflanzen.

Beerdigungszeremonie für die Opfer und deren Angehörigen

Auf dem Massenfriedhof von Potočari endet der Marš Mira, und die Beerdigungszeremonie beginnt. Am 11. Juli 2010, fünfzehn Jahre nach dem Genozid in Srebrenica, sind neben den Teilnehmern des Friedensmarsches insgesamt 50.000 Menschen gekommen, um Familienangehörige, Freunde und Bekannte in einer Massenzeremonie zu bestatten. Die Bestattungszeremonie ist dieses Jahr größer als je zuvor. So viele Opfer wie am diesjährigen 11. Juli wurden noch nie an einem Tag gemeinsam in Potočari zu Grabe getragen. Während der Zeremonie werden 775 Opfern bzw. deren Überreste beerdigt, die nach zahlreichen Exhumierungen aus versteckten Massengräbern gefunden worden sind. Auch ein Katholik ist unter den Toten. Er wurde unter einer katholischen Zeremonie bereits am frühen Morgen bestattet. Danach folgt die Bestattungszeremonie der ermordeten Muslime.

Die Beerdigungszeremonie der Opfer ist für die Überlebenden und Familienangehörigen sehr wichtig. Sie haben in den letzten 15 Jahren dafür gekämpft, die Leichen ihrer Familienmitglieder wiederzufinden, so dass diese bestattet werden und in Frieden ruhen können.

Während der Zeremonie werden die Namen aller Toten verlesen, die an diesem 11. Juli beerdigt werden. Nach der Verlesung des Namens nehmen die Angehörigen die Särge entgegen und beerdigen sie. Ein Sarg kann keinen Familienangehörigen zugeordnet werden, denn auch diese wurden ermordet. Es ist niemand mehr da, der ihn bestatten kann. Schließlich wird der Sarg von anderen Familien zu Grabe getragen.

Irgendwann sind alle Särge zu Boden gelassen, doch das Verlesen der Namen der Toten, die an diesem Tag bestattet wurden, endet noch lange nicht.

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