Die Situation der Homosexuellen in Serbien
Berlin, 28. Oktober 2010. Die schweren Angriffe rechtsextremer Gruppen auf die Gay Pride Parade in der serbischen Hauptstadt Belgrad am 10. Oktober haben bestätigt, dass Lesben, Schwule, Bi- & Transsexuelle (LGBTs) sich dort immer noch in Gefahr begeben, wenn sie ihre Sexualität in der Öffentlichkeit ausleben wollen. Doch damit ist das Problem nicht ausreichend erfasst: die Ablehnung reicht tiefer und zieht sich durch den Großteil der Mehrheitsgesellschaft.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Belgrader Pride-Parade von Rechtsextremen und Hooligangruppen als Ziel auserkoren wurde. Bereits 2001, ein Jahr nach dem Sturz des Milošević-Regimes, kam es beim ersten Pride zu massiven Übergriffen, bei denen auch Demonstrant/-innen zum Teil schwer verletzt wurden. Angesichts dieser Erfahrung und der täglich neu erlebten Bedrohungssituation wagte die LGBT-Gemeinde erst im letzten Jahr einen erneuten Versuch, eine Parade zu organisieren. In letzter Minute wurde diese aber von der Polizei mit Verweis auf vorausgegangene Einschüchterungen abgesagt, was auf Kritik besonders auch im europäischen Ausland stieß.
Dessen Aufmerksamkeit wurde durch das offiziell im letzten Dezember eingereichte serbische Beitrittsgesuch zur Europäischen Union noch verstärkt. Nicht zuletzt deshalb setzte die Regierung in Belgrad und insbesondere Innenminister Ivica Dačić die Durchführung und Sicherung der Veranstaltung gegen alle Widerstände durch. Die nur rund 1000 Demonstrierenden wurden durch insgesamt mehr als 5000 Polizist/-innen vor ebenso vielen gewaltbereiten Rechtsextremen geschützt. Zwar war das Sicherheitskonzept insofern erfolgreich, als dass diese nicht zur Parade selbst durchbrechen konnten, dabei wurden aber über hundert Menschen - überwiegend Sicherheitskräfte - verletzt und im Stadtzentrum Schäden in Millionenhöhe verursacht. Auch die Bewegungsfreiheit der Paradeteilnehmer/-innen wurde durch die Straßenschlachten und die weiträumigen Absperrungen stark eingeschränkt. Zu sehen waren sie deshalb fast nur in der landesweit ausgestrahlten Fernsehübertragung.
Bilder von Parade und Polizeieinsatz
(Fotos: Vladimir Krzalić & Predrag Vranić)
Klima der Intoleranz
Die Auseinandersetzungen um die Parade vom 10. Oktober, deren Bilder durch alle europäischen Medien gingen, sind aber nur oberflächlicher Ausdruck eines viel tieferliegendem Problems. Wie Sandra Khusrawi, Mitarbeiterin von Schüler Helfen Leben, in einem Interview mit der Deutschen Welle betont, werden LGBTs von der Mehrheit der serbischen Bevölkerung immer noch nicht akzeptiert. So werde teilweise sogar von der Ärztevereinigung Serbiens ein Gegensatz zwischen "widernatürlichen Homosexuellen" und "Normalen" konstruiert. Da darf es auch nicht verwundern, wenn am Vortag der Parade mindestens 5000 Menschen am "Familienmarsch", einer von der nationalistischen Vereinigung "Dveri" ("Türen") organisierten Gegendemonstration, teilnahmen - unter ihnen tatsächlich auch Familien mit Kindern.
Fast keine gesellschaftliche Gruppe in Serbien ist frei von mehr oder weniger - meist eher weniger - latenter Homophobie. Besonders deutlich aber äußern sich immer wieder Vertreter/-innen der serbisch-orthodoxen Kirche. Diese hatten sich im Vorfeld zwar gegen Gewalt ausgesprochen, gleichzeitig jedoch die Veranstaltung scharf kritisiert und sich, ausgestattet mit Flaggen, Kreuzen und Ikonen, vor dem "Familienmarsch" aus Protest gegen den Pride zum Beten versammelt. Die Kirchenoberen und ihre Anhänger/-innen verbinden das Religiöse oft mit dem Nationalen, und können damit angesichts der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Lage vieler Menschen in Serbien seit den 90er Jahren punkten. Zudem setzen sie Homosexualität mit Pädophilie gleich. "Wir lehnen alles ab, was aus dem Westen oder dem Vatikan kommt, und das schließt Päderastie und Pädophilie ein, die größten Krankheiten dieser Welt", so ein Kommentar aus der Gegenveranstaltung gegenüber dem serbischen Nachrichtensender B92.
Boban Stojanović, Aktivist des Queeria-Centers und einer der Organisatoren des Pride, berichtet auch zwei Wochen nach der Veranstaltung von andauernden Einschüchterungen: "Jedes Mal, wenn ich meine Wohnung verlasse, werde ich angeschrien oder mir ein Kreuz oder der serbische 'Drei-Finger-Gruß' gezeigt."
Oliver Kainrad, der in Belgrad für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit tätig ist und selbst am Pride teilnahm, schließt, dass "demzufolge sich viele Hooligans mit ihrer schwulenfeindlichen Einstellung zumindest einer geistigen Unterstützung der Mehrheitsbevölkerung sicher sein können". In Verbindung mit der Ablehnung der rechtsextremen Angriffe werde auch immer wieder die Auffassung vertreten, dass es ohne ein Stattfinden der Parade ja gar nicht zu Gewalt gekommen wäre. Solidarität werde nur gegenüber den verletzten Polizeikräften geäußert, nicht den bedrohten Teilnehmer/-innen der Demonstration.
Die Haltung der Politik
Der Bürgermeister von Belgrad, Dragan Đilas, sieht das ähnlich und hat sich deshalb schon in den vergangenen Jahren gegen die Durchführung des Pride gewehrt. Dabei ist er Mitglied der regierenden und europafreundlichen Demokratischen Partei. Die Vermutung von Oliver Kainrad, dass die Durchführung des diesjährigen Pride wohl vor allem auf Druck der EU und westlicher Diplomaten ermöglicht wurde, liegt deshalb nicht fern. Boban Stojanović betont, dass die Regierungskoalition in ihren Äußerungen nicht die Parade an sich unterstützte, sondern nur Gewalt gegen diese als inakzeptabel bezeichnete. Die enttäuschende Abwesenheit des serbischen Präsidenten Boris Tadić passt ins Bild. Aus der höheren Politik ließen sich auf der Parade nur zwei Gesichter blicken: Svetozar Čiplić, der Minister für Menschen- & Minderheitenrechte, und Čedomir Jovanović, Gründer der kleinen oppositionellen Liberaldemokratischen Partei, die, so Stojanović, in den vergangenen Jahren als einzige kontinuierlich die Ziele der serbischen LGBTs unterstützt habe.
Die Meinung des rechtsgerichteten Teils der Opposition dagegen ist klar. Aleksandra Janković, Sprecherin von "Nova Srbija" ("Neues Serbien"), gegenüber B92: "Allein die Bezeichnung 'Parade' gibt dem ganzen Ereignis bereits den Anschein eines Karnevals. So wirkt es wie Exhibitionismus einer Einzelgruppe von Menschen."
Ein erster Schritt
Trotzdem wertet Oliver Kainrad schon das bloße Stattfinden des Pride als "kleinen Schritt in die richtige Richtung". Viele Einheimische seien aus Angst vor Gewalttaten der Parade ferngeblieben, weshalb der Anteil von Demonstrierenden aus dem Ausland überdurchschnittlich hoch war. Der von der Polizei erbrachte Beweis, auch solche im Land heftig umstrittenen Veranstaltungen schützen zu können, ist aber Anlass zur Hoffnung für eine noch höhere Teilnehmer/-innenzahl nächstes Jahr - sollte es denn einen erneuten Pride geben. Das Potential dazu sei sicher vorhanden, so Kainrad.
Der Ankündigung der Regierung - auch unter Eindruck der Ausschreitungen bei einem Spiel der serbischen Fußballnationalmannschaft in Genua wenige Tage nach dem Pride - hohe Haftstrafen gegen die Hooligans zu verhängen und rechtsextreme Gruppen zu verbieten, steht Boban Stojanović jedoch skeptisch gegenüber. Das sei letztes Jahr nicht geschehen und er sehe auch keinen Grund, warum es diesmal wirklich anders laufen solle. Er ist der Auffassung, dass die immer noch einflussreichen alten Eliten bei einer Normalisierung des serbischen Staates und seiner Außenbeziehungen zu viel zu verlieren hätten.
Über all dem ist aber nicht zu vergessen, dass auch LGBTs in West- & Mitteleuropa lange für ihre nunmehr relativ hohe Akzeptanz kämpfen mussten. Die heute in vielen Städten selbstverständlich scheinenden Christopher Street Day-Paraden nahmen erst vor drei Jahrzehnten ihren zaghaften Anfang. In den meisten Ländern Osteuropas - inklusive jenen, die seit einigen Jahren zur EU gehören - nehmen Gruppen von selbsterklärten "Anständigen" noch immer regelmäßig Anstoß an diesen und thematisch verwandten Veranstaltungen. Auf dem Balkan schließlich befindet sich Serbien in bester schlechter Gesellschaft: in den meisten Nachbarländern steht es um die Situation der LGBTs keinen Deut besser, auch wenn dies nicht das gleiche grenzüberschreitende Medienecho hervorruft. Sie alle haben noch einen weiten Weg zu gehen. Boban Stojanović scheint dazu bereit: "Das Wichtigste ist, dass die Parade stattgefunden und einen Maßstab für jeden folgenden Pride gesetzt hat."
| Tweet | Teilen |
