Einblicke in das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben im Kosovo

Schüler Helfen Leben bietet jungen Menschen aus Deutschland die Möglichkeit Auslandserfahrung zu sammeln und sich ehrenamtlich für Gleichaltrige auf dem Balkan einzusetzen. So engagieren sich beispielsweise derzeit im Jugendzentrum von Schüler Helfen Leben im kosovarischen Rahovec/Orahovac Ansgar Seng (20) und Christin Bimberg (20). Wir haben sie bei unserem Projektbesuch interviewt.

Ansgar Seng kommt ursprünglich aus Wermelskirchen bei Remscheid, ist 20 Jahre alt und hat im Anschluss an sein Abitur im August 2009 sein 14-monatiges Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei Schüler Helfen Leben begonnen.

Christin Bimberg kommt ursprünglich aus Schwerin, ist 26 Jahre alt und hat Internationale Beziehungen in Berlin und Potsdam studiert. Von Februar bis September 2010 unterstützt sie nun als Freiwillige das Jugendzentrum von Schüler Helfen Leben im kosovarischen Rahovec/Orahovac.

 

Warum habt ihr euch für die Stelle beworben?

Christin: Ich habe meine Masterarbeit im Rahmen eines gemeinsamen Studiengangs der Freien Universität Berlin, der Humboldt Universität zu Berlin und der Universität Potsdam über die Situation von Roma im Kosovo geschrieben. Während meines Studiums habe ich ein Praktikum im European Roma Rights Center gemacht und noch mehr über die Situation von Roma im Kosovo erfahren. Ich habe also viel über das Kosovo gelesen - auch über den Krieg - und wollte nun selber sehen wie es elf Jahre nach dem Krieg im Kosovo ist.

Ansgar: Es hat sich krass angehört, mit Jugendlichen in einer kosovarischen Kleinstadt zu arbeiten. Die Tatsache, dass ich keine Vorstellung hatte wie es dort aussieht und das Leben im Kosovo ist, hat mich gereizt. Außerdem hat mich die Arbeit mit Jugendlichen sehr interessiert. Ich hatte einfach auch Lust, etwas total Neues zu machen und diesen Herausforderungen zu begegnen.

Christin: Ja genau, das Kosovo war für mich auch ein Land, von dem ich keine richtige Vorstellung hatte. In der Schule haben wir, außer kurz über den Krieg, nicht weiter über das Land gesprochen. Ich wollte unbedingt mehr über erfahren und habe mich deshalb bei SHL im Kosovo beworben.

 

Habt ihr euch auch schon vor eurem Freiwilligen Sozialen Jahr sozial engagiert?

Ansgar: Ich war während meiner Schulzeit Berater für Schülervertretungen (SV) beim SV-Bildungswerk und habe Seminare an anderen Schulen gegeben, um engagierten Schülerinnen und Schülern zu helfen ihre Schule zu verändern. Außerdem war ich neben der SV in meiner Schule in der Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen aktiv und Leiter einer Jugendgruppe in meiner Kirchengemeinde in Wermelskirchen.

Christin: Ich war während meiner Schulzeit Hochleistungssportlerin im Volleyball und habe außerdem Mädchen im Alter von 12-18 trainiert.

 

SHL hat euch auf euer Leben und eure Arbeit im Kosovo vorbereitet. Wie hat euch diese Vorbereitung gefallen?

Christin: Sie hat auf jeden Fall die Spannung auf das, was dann im Kosovo kam, gesteigert. Es wurden Themen angesprochen, über die ich vorher kaum nachgedacht habe, wie etwa, dass die Rolle der Frau im Kosovo eine andere ist als in Deutschland.

Ansgar: Die Vorbereitung hat mich dazu gebracht darüber zu reflektieren, was ich im Kosovo erlebe. Aber auch wenn man denkt, dass man gut vorbereitet ist, ist das tatsächliche Leben als FSJler in einer kosovarischen Kleinstadt nochmal etwas völlig Anderes und Neues. Für mich hat mit dem FSJ im Kosovo ein neuer Lebensabschnitt begonnen - ich lebe nun in einer WG im kleinen Rahovec/Orahovac, nicht mehr zuhause bei meinen Eltern, bin nicht mehr in der Schule. Da erlebt man natürlich ständig Situationen, auf die man nicht vorbereitet ist.

 

Welche Erwartungen und Vorurteile hattet ihr als ihr zum ersten Mal ins Flugzeug ins Kosovo gestiegen seid? Was waren eure ersten Eindrücke vom Land?

Ansgar: Es hat mich überrascht, dass das Kosovo so schön ist. Die Landschaft ist idyllisch und es gibt tolle Naturparks.

Christin: Ich hatte eigentlich nicht so viele Erwartungen und war vor allem neugierig.

Ansgar: Ich hatte erwartet, dass die Jugendlichen anders sind als in Deutschland, aber das ist nicht so. Die Interessen von Jugendlichen im Kosovo und in Deutschland sind wirklich sehr ähnlich. Außerdem dachte ich mir, dass in einer kosovarischen Kleinstadt kaum etwas los sein würde und ich während meines FSJs eine Art "Einsiedlerleben" führen würde. Diese Erwartung hat sich aber überhaupt nicht bestätigt. Gerade im Sommer sind ständig Leute auf der Straße, und das Leben ist hier in Rahovec/Orahovac generell viel geselliger als in einer deutschen Kleinstadt.

 

Welche für euch besonders wichtigen Erfahrungen habt ihr bisher in Rahovec/Orahovac gemacht? Was habt ihr gelernt?

Christin: Ich habe hier gelernt, dass Frauen in der kosovarischen Gesellschaft eine andere Rolle einnehmen als in Deutschland. Frauen sind im öffentlichen Leben viel weniger sichtbar. Das hat mich anfangs sehr erstaunt.

Ansgar: Vor allem habe ich hier gelernt, dass Jugendliche nun mal Jugendliche sind - egal in welchem Land sie leben oder welcher ethnischen Gruppe sie angehören. Sie machen überall ähnliche Späße.

Christin: Die Medien suggerieren häufig, dass sich Albaner und Serben im Kosovo überhaupt nicht verstehen. Da wird ein zu negatives Bild gezeichnet. Es gibt viele gute Beziehungen zwischen Albanern und Serben im Kosovo. Eine wirklich neue Erfahrung ist für mich, dass man sich an einen neuen Kommunikationsrhythmus mit Freunden und Familie gewöhnen muss, da es häufig Stromausfall gibt und man nicht immer spontan chatten oder zum Hörer greifen kann.

Ansgar: Ich fühle mich hier in Rahovec/Orahovac sehr wohl und ich bin froh, dass ich die Herausforderung, hier mein FSJ zu machen, angenommen habe. Persönlich habe ich eine große Horizonterweiterung in der Eingewöhnungsphase erlebt. Nun habe ich mich gut eingelebt und freue mich darauf weiter in meiner Arbeit im Jugendzentrum durchzupowern.

 

Wie sieht eure Arbeit in Rahovec/Orahovac aus? Wie gefällt sie euch?

Christin: Im Team von Schüler Helfen Leben im Kosovo herrscht ein freundschaftlicher Umgang. In der Arbeit mit den Jugendlichen ist die Sprache ab und zu eine kleine Barriere, die aber leicht zu überkommen ist, weil es immer jemanden gibt, der gut Deutsch oder Englisch spricht. Es ist sehr spannend und herausfordernd, mit den Jugendlichen zu arbeiten, denn sie haben viele Ideen wie sie ihre Freizeit im Jugendzentrum verbringen möchten.

Ansgar: Als FSJler kann ich den Jugendlichen Aktivitäten zur Freizeitgestaltung anbieten. Das finde ich wirklich cool, und ich freue mich sehr, dass die Jugendlichen den Deutschkurs, den ich gebe, so gern besuchen.

Christin: Ja, es gibt in der Arbeit während des FSJs viel Freiraum und man kann sich hier selbst verwirklichen.

Ansgar: Wir übernehmen hier während unserer Arbeit als FSJler in vielerlei Hinsicht eine Vorbildfunktion gegenüber den Jugendlichen - sei es hinsichtlich der Art Entscheidungen zu fällen, im Umgang mit Mitmenschen, aber auch in Äußerlichkeiten wie Frisuren- oder Kleidungsstil.

Christin: Mir gefällt es, dass wir Jugendlichen durch unsere Arbeit eine neue Perspektive geben.

 

Was nehmt ihr von eurem Freiwilligen Sozialen Jahr bzw. von eurem Praktikum mit?

Ansgar: Ich bin durch meinen Aufenthalt im Kosovo viel offener, kommunikativer und selbstsicherer geworden. Außerdem bin ich selbständiger geworden und weiß nun auch, was es heißt, alleine zu wohnen.

Christin: Ich kann diese Frage noch nicht abschließend beantworten. Ich hoffe sehr, dass ich viel mitnehmen werde. Auf jeden Fall möchte ich hier viel über Jugendarbeit lernen und freue mich, im Anschluss an mein Studium und an meine Masterarbeit endlich mal praktisch zu arbeiten. Ich denke auch, dass mich der Aufenthalt im Kosovo selbstbewusster macht. Man kann hier eigene Ideen umsetzen und man lässt sich auf eine völlig neue Kultur ein. Das stärkt.

Ansgar: Man muss sich aber auch in einem Land, dass für einen selber komplett neu ist, erst mal selbst finden. In Deutschland lässt man sich schnell von Freunden und deren Weltanschauung beeinflussen und treiben. Hier im Kosovo aber bin ich auf mich selbst gestellt und muss mir allein überlegen wie viel ich von der eigenen Kultur übernehmen und leben möchte und was ich von der Lebensweise und -einstellung der Jugendlichen im Kosovo annehmen möchte.

 

Was wollt ihr nach dem FSJ bzw. dem Praktikum machen?

Christin: Am liebsten würde ich für eine internationale Organisation arbeiten. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob diese Arbeit dann auch im Jugendbereich wäre. Ich hoffe aber, dass mir meine Arbeit bei SHL im Kosovo die Türen für eine Arbeit bei internationalen Organisationen öffnet.

Ansgar: Auf jeden Fall möchte ich noch viele Länder kennenlernen und dort arbeiten, vielleicht auch in einer internationalen Organisation. Ich möchte auch in Zukunft in der Jugendarbeit aktiv sein, allerdings nicht unbedingt als Beruf, sondern eher als ehrenamtliches Engagement. Direkt nach dem FSJ steht zunächst ein Studium an.

 

Ein Wort von Euch zum Abschluss

Christin: Ich freue mich sehr auf den Sommer im Kosovo! Außerdem will ich unbedingt das Land erkunden.

Ansgar: Ich freue mich darauf weiterhin hier mit den Jugendlichen zu arbeiten und mit ihnen Spaß zu haben.

 

Mehr Eindrücke von unseren Freiwilligen in Deutschland und auf dem Balkan findet Ihr in den Blogs der Freiwilligen.

Hier gibt es Informationen über das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben im In- und Ausland.