Keine guten Aussichten für Jugendliche im Kosovo
Berlin, 17.02.2010 - Heute vor zwei Jahren wurde das Kosovo unabhängig erklärt. Die Stiftung Schüler Helfen Leben möchte anlässlich dieses Tages darauf aufmerksam machen, dass die Lebenssituation von Jugendlichen in diesem von Krieg, Korruption und Armut gebeutelten Land weiterhin schlecht ist. Mehr als 50% der Bürger des Kosovo sind Jugendliche. Wiederum die Hälfte der Jugendlichen ist arbeitslos und besonders von Armut betroffen. Viele von ihnen haben nicht einmal die Möglichkeit, nach der Grundschule eine weiterführende Schule zu besuchen, da sie ihre Familien ernähren müssen. Immer mehr von ihnen ziehen vom Land in die Städte, in der Hoffnung auf Arbeit. Leider oft vergeblich.
Bisher hat die kosovarische Regierung nur wenig unternommen, dass Jugendliche ihre bürgerlichen Rechte und Pflichten im politischen Entscheidungsprozess ausüben können. Sowohl auf lokaler, als auch auf regionaler und nationaler Ebene haben Jugendliche bisher kaum Mitspracherechte. Die geringen Beteiligungsmöglichkeiten und die weit verbreitete Korruption nehmen den Jugendlichen die Lust und den Mut, in der Gesellschaft aktiv zu werden und ihre Rechte einzufordern. Vielmehr sind sie resigniert und denken, dass sie an der vorherrschenden Armut und der hohen Arbeitslosigkeit ohnehin nichts ändern können.
Das Bildungssystem im Kosovo ist stark reformbedürftig und unzureichend an die Anforderungen des Marktes gekoppelt. Die meisten Jugendlichen glauben nicht, dass sich dies in absehbarer Zukunft einmal ändern wird. Abgesehen davon, dass viele Eltern ihren Kindern niemals ein Studium finanzieren können, verstehen viele Jugendliche auch schlichtweg nicht, warum sie zur Schule gehen oder studieren sollen.
Roma-Jugendliche im Kosovo haben es besonders schwer. Sie leben unter unwürdigen Bedingungen, ausgegrenzt von den anderen Bevölkerungsgruppen in spärlichen Behausungen ohne Heizung und fließendes Wasser. Von einem täglichen Schulbesuch können viele von ihnen nur träumen. Im Kosovo werden sie von Gleichaltrigen Albanern und Serben häufig gemieden und als "Zigeuner" beschimpft. Viele von ihnen haben keine Chance auf legale Arbeit und Unterstützung vom kosovarischen Staat.
Mittlerweile sind auch viele Jugendliche und ihre Eltern ins Kosovo zurückgekehrt. Für sie ist die Bewältigung des Alltags im Kosovo besonders schwer. Pejtim, ein 18-jähriger Aschkali, ist einer von ihnen. Seine Eltern hofften in Deutschland Geld zu verdienen und verließen das Kosovo als er ein Säugling war. In Deutschland wuchs er im münsterländischen Warendorf auf. Vor acht Monaten musste er Deutschland verlassen und lebt seitdem mit seinen Eltern in der kosovarischen Kleinstadt Rahovec /Orahovac. Er kann sich nur schwer an das Leben im Kosovo gewöhnen. Täglich mehrere Stunden ohne Strom, Wasser und überall Armut. In Deutschland hat er die Schule abgeschlossen, wollte Friseur werden, oder auch Mechaniker und eine Familie gründen. Im Kosovo findet er nur schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs. Mehr als 150 Euro im Monat wird er hier nie verdienen. Hier möchte er keine Familie gründen, ist Pejtim sich sicher. "Ich vermisse Deutschland, denn in Rahovec / Orahovac gibt es einfach nichts zu tun."
Er ist froh, dass es hier das Jugendzentrum von Schüler Helfen Leben gibt. "Dort bin ich mit albanischen und serbischen Jugendlichen zusammen und kann mal abschalten ? an nichts anderes denken wie Jobs oder so", sagt er. Hier bringt er ein paar Jugendlichen sogar bei wie man Breakdance tanzt, das hat er in Deutschland schließlich jahrelang gemacht. Außerdem kann Pejtim im Jugendzentrum an Sprachkursen teilnehmen, kann in Diskussionsgruppen seine Meinung sagen, gemeinsam mit Gleichaltrigen kochen und bekommt in Bewerbungstrainings etwas Motivation, sich um Arbeit zu bemühen. Viele Jugendliche im Kosovo haben diese Möglichkeit nicht, meint er. Sie hängen den ganzen Tag rum, wissen nicht was sie tun sollen und haben keine Perspektive.
Pejtim vermisst Deutschland. Dort hatte er neben deutschen Freunden auch Kumpel aus allen möglichen Ländern, mit denen er zur Schule gegangen ist. Das war eine gute Zeit. Die Freunde aus Deutschland vermissen ihn auch. Sie halten übers Internet Kontakt. Pejtim träumt von einem glücklicheren Leben in Deutschland. "Irgendwann geh ich dorthin zurück", sagt er.
Über Schüler Helfen Leben im Kosovo
Die Stiftung Schüler Helfen Leben hat ein Jugendzentrum in der zwischen Kosovo‐Albanern und Kosovo‐Serben ethnisch geteilten Stadt Rahovec/Orahovac errichtet. Dort wird durch vielfältige Seminarangebote die Zusammenarbeit zwischen den Jugendlichen gefördert. Darüber hinaus haben wir unseren Zweig im Kosovo erfolgreich lokalisiert und jahrelang alle damit verbundenen Organisationsentwicklungsprozesse unterstützt, so dass die Verantwortung für die Zukunft nun direkt vor Ort ausgeübt werden kann. Mit dem Ziel, jungen Menschen zu einem unabhängigen Leben zu verhelfen, setzt die lokale Organisation SHL Kosova sich mit einem achtköpfigen multi-ethnischen Team und zwei Freiwilligen aus Deutschland (FSJ) für die Erhöhung der Jugendbeschäftigung und die Stärkung von Eigenverantwortlichkeit ein und motiviert zum Engagement in der örtlichen Gemeinschaft.
Über Schüler Helfen Leben in Deutschland
Schüler Helfen Leben wurde während es des Jugoslawienkrieges 1992 von Schülern gegründet. Seit 1998 richtet der Verein den inzwischen jährlich stattfindenden Sozialen Tag aus. Am Sozialen Tag tauschen hunderttausende Schüler für einen Tag ihr Klassenzimmer gegen einen Job und spenden ihren Lohn für Jugend- und Bildungsprojekte in Südosteuropa. Die Stiftung Schüler Helfen gewährleistet, dass die am Sozialen Tag erarbeiteten Gelder in nachhaltige Bildungs- und Jugendprojekte in Südosteuropa fließen. Der nächste Soziale Tag findet am 17. Juni 2010 statt.
