Zwei Schulen unter einem Dach

- Alltag in geteilten Gemeinden: Oft wird neben der bosnischen auch die kroatische Flagge gehisst

- Schule in Travnik: Den blauen Teil des Gebäudes besuchen kroatische, den gelben bosniakische Schüler/-innen

- Zaun zur Trennung der zwei Ethnien auf dem Schulhof
In Bosnien und Herzegowina werden Kinder und Jugendliche der verschiedenen Ethnien noch immer voneinander getrennt. An den so genannten "Zwei Schulen unter einem Dach" sind die Lehrbetriebe im selben Gebäude untergebracht, doch weder Schüler/-innen, noch Lehrer/-innen unterschiedlicher ethnischer Gruppen haben untereinander Kontakt. Sie haben eigene Eingänge, Räumlichkeiten und unterschiedliche Unterrichtsschichten. Selbst auf dem Schulhof stehen oft Zäune, um den Kontakt zwischen den Jugendlichen der verschiedenen Volksgruppen zu verhindern. Lehrbücher aus "ethnisch empfindlichen" Fächern wie Geschichte, Landeskunde, Religion und den Muttersprachen sind reich an nationalistischen und intoleranten Aussagen über die anderen Ethnien, insbesondere wenn es um den Bürgerkrieg geht.
In dem Gliedstaat von Bosnien und Herzegowina, in dem größtenteils Bosniaken und Kroaten leben - der Föderation Bosnien und Herzegowina - gibt es knapp über 50 Schulen solcher Art. Die meisten befinden sich in Zentralbosnien, d.h. in den Kantonen Mittelbosnien und Herzegowina-Neretva, und werden von bosniakischen und bosnisch-kroatischen Schüler/-innen besucht. Im anderen Gliedstaat von Bosnien und Herzegowina - der Republika Srpska - existieren sie nicht. Dort lernen alle Schüler/-innen nach einem serbisch dominierten Lehrplan.
Über 15 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton wachsen die Kinder in größerer Isolation von den anderen ethnischen Gruppen auf als es jemals ihre Eltern taten. Der Menschenrechtsaktivist Nerin Dizdar warnt: "Den Jugendlichen wird beigebracht, dass der Andere eine Bedrohung für sie darstellt. Das schafft Ignoranz und Hass und dies sind die Hauptzutaten für zukünftige Konflikte."
Nach Ende der Bürgerkriege unterstützte die internationale Gemeinschaft die Einführung der sogenannten "Zwei Schulen unter einem Dach" mit dem Gedanken, Familien mit Kindern im Schulalter zur Rückkehr in Gebiete zu bewegen, in denen sie zu einer Minderheit geworden sind. Außerdem erhoffte man sich, dass Kinder aus verschiedenen Ethnien auf diese Weise in Kontakt treten würden, zumindest auf dem Schulhof und in außerschulischen Veranstaltungen. Solche Schulen wurden als erster Schritt auf dem Weg zu einer integrierten, alle Ethnien umfassenden Bildung aufgefasst. Doch sie weiteten sich als Modell im ganzen Land aus und werden heute von der Mehrheit der Bevölkerung als Normalität aufgefasst. Aus dem kurzfristigen Ansatz, mit dem man die Zeit bis zu einer Integration überbrücken wollte, ist leider eine dauerhafte Einrichtung zur Segregation geworden.
Die Einrichtung des Schulsystems in Bosnien und Herzegowina ist keine reine Bildungs-, sondern eine sehr politische Frage. 2003 verabschiedete das Parlament von Bosnien und Herzegowina ein Gesetz, welches die "Zwei Schulen unter einem Dach" zu einer Schule zusammenführen soll. Doch die Anwendung in der Realität hat sich bis heute als äußerst schwierig gezeigt. Zum einen liegt das am komplexen Bildungssystem des Landes, denn die Entscheidungsmacht über Bildungsfragen hat jeder Kanton für sich selbst. Zum anderen liegt es am hartnäckigen Widerstand der Politiker/-innen und in der Bevölkerung.
Greta Kuna, die damalige Bildungsministerin des Kantons Mittelbosnien, schockierte die Öffentlichkeit 2007 mit ihrer unsensiblen Aussage: "Das Projekt der Zwei Schulen unter einem Dach wird nicht abgeschafft werden, weil man Äpfel nicht mit Birnen mischen kann. Die Äpfel zu den Äpfeln und die Birnen zu den Birnen." Claude Kieffer, Direktor der Erziehungsabteilung der OSZE Mission in Bosnien und Herzegowina hat sehr kritische Worte für die lokalen Politiker/-innen übrig: "Das einzige, in dem sie sich einig sind, ist, dass es zu keiner Einigung kommen soll. Denn dies ist in ihrem politischen Interesse. Der jetzige Zustand passt ihnen perfekt und das Problem ist, dass auch die Eltern diese Ansicht teilen."
Viele Eltern und Lehrer/-innen fühlen, dass die Zusammenführung der Schulen ihre ethnische Identität gefährden würde. Sie wehren sich mit allen Mitteln. So wird beispielsweise darauf bestanden, aus Sprachgründen getrennten Unterricht zu haben, obwohl man sich in den Sprachen bosnisch, kroatisch und serbisch problemlos miteinander verständigen kann. Sie haben eine starke juristische Grundlage in der Verfassung von Bosnien und Herzegowina: Alle Bürger/-innen haben das unveräußerliche Recht, dass ihre Kinder Unterricht ausschließlich auf Ihrer Muttersprache und nach einem Lehrplan nach der Wahl ihrer Eltern erhalten.
Auch unter den Schüler/-innen sind die Meinungen geteilt: Während die einen keinen Grund für die Trennung sehen, bestehen andere darauf, keinen Kontakt zu den anderen Ethnien zu haben oder fürchten sich, dass das Zusammenbringen wieder zu Konflikten führen würde. Der Alltag sieht vielerorts so aus, wie ihn eine 18-jährige Schülerin aus Stolac beschreibt: "Die Leute hier denken, dass es schlecht ist, sich mit Jungen aus der anderen Kultur zu mischen. Wenn du mit ihnen ins Cafe gehst, sagt man dir nach, dass du anders und dumm bist."
Schüler Helfen Leben (SHL) setzt sich stark gegen die "Zwei Schulen unter einem Dach" ein. SHL initiierte und entwickelte 2009 einen Film, der sich mit diesem Thema kritisch auseinandersetzt. Die Premiere ist sowohl bei Jugendlichen, als auch bei Vertreter/-innen von Nichtregierungsorganisationen, Botschaften und Ministerien, auf große Resonanz gestoßen. Die bei SHL engagierten Schüler/-innen entschieden sich, ab 2011 die Förderung eines Projektes aufzunehmen, welches sich gegen die ethnische Teilung an Schulen einsetzt. Im Rahmen des Projektes "Gemeinsam unter einem Dach" sollen in Workshops an zwölf Schulen in Zentralbosnien sowohl Lehrer/-innen als auch Schüler/-innen dazu angeregt werden, die Teilung in ihren Schulen und in ihrem Land in Frage zu stellen. Ein Schwerpunkt dieser Workshops soll auf friedlicher Konfliktlösung liegen. Gleichzeitig soll auch auf ministerieller Ebene darauf hingewirkt werden, die Teilung der Schulen abzuschaffen.
| Tweet | Teilen |
weiterführende Informationen
Zum Projekt "Gemeinsam unter einem Dach"
Quellenliste: Studien, Kurzfilme, Artikel
Ausführliche Informationen zu "Zwei Schulen unter einem Dach"
Alić, Anes: Bosnia and Herzegowina: Two Schools Under One Roof. 03.06.2008. chalkboard.tol.org/bosnia-and-herzegovina
Emrić, Amel: "A generation of... ethnically overfed pupils" 23.08.2009. http://www.msnbc.msn.com/id/32527058/
Internal Displacement Monitoring Centre: Two schools under one roof: Segregated education persists in Bosnia and Herzegovina (2008). http://www.internal-displacement.org/idmc/website/countries.nsf/%28httpEnvelopes%29/C358A3E34B3F4B50C125720B0035BFC3?OpenDocument
Jelin-Dizdar, Tina: Poziv za ukidanje "dvije skole pod jednim krovom". 21.05.2009. http://www.slobodnaevropa.org/content/podijeljena_skola/1736801.html
Lowen, Mark: Balkan Divisions Survive in Bosnian Schools. BBC, 01.04.2010. http://news.bbc.co.uk/2/hi/8596904.stm
Popović, Predrag: Harmony a long way off in Bosnia´s disunited schools. Balkan Insight 17.10.2006. http://www.b92.net/eng/insight/opinions.php?yyyy=2006&mm=10&nav_id=37398
ProMENTE: What do we teach our children? 15.02.2010. http://www.promente.org/en/node/283
UNICEF, Bosnia and Herzegowina. http://www.unicef.org/infobycountry/bosniaherzegovina_background.html
