Von Bosnien in die Welt: "The Angel of Srebrenica"
Eine Ballerina tanzt auf Zehenspitzen durch das zerstörte, leblose Srebrenica - leicht, elegant und unbeschwert. Als sie zu den Massengräbern des schlimmsten Kriegsverbrechens in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg kommt, wachsen ihr Flügel. Doch diese verliert sie plötzlich wieder und bricht zusammen, als sie einen Grabstein sieht: Die Inschrift auf dem Stein erinnert an ein viel zu kurzes Leben eines Jungen, der am 11. Juli 1995 starb.
Ado Hasanovic erzählt diese Geschichte in seinem Kurzfilm "The Angel of Srebrenica". Der Film sei das Ergebnis einer emotionalen Beziehung zwischen ihm und seiner Heimatstadt, die vom Genozid von 1995 verfolgt wird, sagt Ado. Er war sechs, als er 1993 während der Bosnienkriege mit seiner Familie aus Srebrenica floh. "Die Aussage meines Films ist, dass es keine Rechtfertigung für menschliche Opfer gibt". Wofür die Tänzerin und ihre Engelsflügel stehen, lässt er aber offen. Sind sie ein religiöses Zeichen? Sollen sie die Unschuld darstellen? Wieso verliert die Tänzerin die Flügel? Ado will zum Nachdenken anregen. Und die Satdt aus einer neuen Perspektive zeigen: "Viele Menschen aus anderen Städten und Ländern drehten Filme über Srebrenica und den Genozid von 1995", sagt er. "Aber ich bin der erste Regisseur aus Srebrenica, der einen Film über Srebrenica gedreht hat".
Vor allem Menschen außerhalb Srebrenicas sollen sich mit Srebrenica beschäftigen, meint Ado. Bisher hat er damit großen Erfolg: "The Angel of Srebrenica" wurde auf Festivals und in Kinosälen in Amsterdam, Turin, Venedig, Bozen, Meran, New Jersey, Colorado, Rom, Sarajevo und Srebrenica gezeigt. Demnächst öffnen sich auch die Vorhänge in Modena, Wien und Hamburg für Ados Film.
Kinobetreiber und Festivalorganisatoren sind wohl nicht nur von dem professionell gedrehten Film beeindruckt, sondern auch von Ado's Persönlichkeit. Er ist ein Filmemacher durch und durch. Schon als Junge begann er mit dem Filmen. Erst tat er das mit der Amateurkamera seines Vaters. Mittlerweile nutzt er professionelles Equipment von der Sarajevo Film Academy, an der er zur Zeit Regie studiert. Mit Begeisterung erzählt er von seinen ersten Erfahrungen als Regisseur und seinen Lieblingsfilmen. Daher war es für ihn ein großer Moment, als er sich am Rande des Sarajevo Film Festivals mit Wim Wenders zum Abendessen traf. Als große Ehre empfand er, dass Wim Wenders sich seinen Film anschließend anschaute.
Gefördert wurde die Produktion von "The Angel of Srebrenica" von Schüler Helfen Leben (SHL). Ado bewarb sich im Rahmen des Fonds für Jugendprojekte mit seinem Vorhaben und konnte damit einen Teil seiner Kosten decken. Mit dem Fonds für Jugendprojekte wird zivilgesellschaftliches Engagement von Jugendlichen gefördert. Denn dieses Engagement ist dringend nötig: viele Jugendliche in Bosnien und Herzegowina sind deprimiert und sehen nicht die Chance, an ihrer Situation etwas zu verändern. Dies führt zu Lethargie, die sich in einem gering ausgeprägten politischen und sozialen Engagement manifestiert.
Ado, der 2006 das erste Mal an einem Workshop von SHL teilgenommen hat, findet: "Das größte Problem in Bosnien ist, dass junge Menschen sich nicht wirklich mit Kraft für ihre Zukunft einsetzen und nicht von der Politik gefördert werden. Dennoch gibt es junge Menschen, die sich engagieren und gute Sachen auf die Beine stellen.
Ich hoffe, ich gehöre zu diesen Menschen".
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