Das Projekt des Sozialen Tages 2011 - Eindrücke aus Bosnien und Herzegowina

In Bosnien und Herzegowina werden Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Bevölkerungsgruppen noch immer voneinander getrennt. Diese Tatsache und das Konzept der bosnischen Organisation Genesis überzeugte Dutzende Schülerinnen und Schüler auf dem Projektauswahltreffen von Schüler Helfen Leben im vergangenen Juni. Sie entschieden: Das Projekt "Gemeinsam unter einem Dach" soll von den Mitteln des Sozialen Tages 2011 gefördert werden.

Wie sieht die Arbeit im Projekt genau aus? Welche lokale Organisation setzt das Projekt um? Wer ist am Projekt beteiligt? Einblicke in die Aktivitäten und Herausforderungen des Projekts konnten Vertreterinnen und Vertreter der Stiftung Schüler Helfen Leben im Oktober gewinnen. In zwei Artikeln berichten wir über das Projekt "Gemeinsam unter einem Dach".

Teil 1: Die Partnerorganisation Genesis

Wo ist das Schild, das uns in Bosnien und Herzegowina willkommen heißt? Ich sehe keins. Wo sind die bosnischen Flaggen? Ich sehe nur die serbische. Trotzdem: Wir haben gerade die Staatsgrenze Bosnien und Herzegowinas passiert. Aus Belgrad kommend haben wir mit dem Auto einen Teil Kroatiens durchquert und sind nun, an diesem warmen Herbststag, hier: in der Serbischen Republik, einem der zwei Landesteile Bosniens. Überwiegend serbische Bosnier leben hier. In der Föderation, dem zweiten Landesteil, wohnen größtenteils Bosniaken und bosnische Kroaten. Bei der Weiterfahrt diskutieren wir im Auto darüber, wie sichtbar die Teilung des Landes ist, wenn man in der Serbischen Republik noch nicht einmal an den Staatsgrenzen eine Flagge des Bundesstaates sieht.

Unser heutiges Ziel: Banja Luka, die Hauptstadt der Serbischen Republik. Dort erwarten uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Organisation Genesis. In den kommenden Jahren werden sie mit der Unterstützung von Schülerinnen und Schülern aus Deutschland gegen die ethnische Trennung von Schülerinnen und Schülern in Bosnien arbeiten.

Das Team: Puppenspieler...

"Welcome to Banja Luka", sagt Dijana, als wir das Büro von Genesis erreichen. Energiegeladen wirkt sie, die Leiterin der Organisation Genesis, die wir bisher nur aus Telefonaten und E-mails kannten. In einem rekordverdächtigen Sprachtempo stellt Dijana, die ich auf Mitte 30 schätze, sich und Azra sowie Sasa vor, während wir ins Büro gehen. Azra ist schon etwas älter und blickt auf eine lange Psychologenkarriere zurück. Sie wird das Kooperationsprojekt "Gemeinsam unter einem Dach" als Koordinatorin umsetzen. Unterstützt wird sie dabei von Sasa, der ungefähr 30 ist und zusammen mit zwei weiteren Mitarbeitern für die theaterpädagogischen Elemente des Projekts zuständig ist. Schon während seines Pädagogik-Studiums entdeckte er seine Leidenschaft für Puppentheater. Von ihm erfahren wir: Die Organisation Genesis nutzt Puppentheateraufführungen schon seit ihrer Gründung für pädagogische Zwecke. So werden Schülerinnen und Schüler durch die Aufführungen zum Beispiel für die Gefahr von Minen sensibilisiert. Dass Puppen ein fester Bestandteil der Arbeit von Genesis, merken wir auch, als wir das Büro betreten: Überall hängen sie: Puppen, die aussehen wie Minen, Tiere, Obst, Gemüse und Bäume.

...und Trekkies

Wir setzen uns an den großen Besprechungstisch. Zwei Tage wollen wir mit den Mitarbeitern von Genesis verbringen: Morgen sollen die ethnisch geteilten Schulen besucht und die Arbeit vor Ort gesehen werden. Heute stehen generelle Fragen der Kooperation auf dem Plan. Und natürlich das Kennenlernen: Wir erfahren, wie Dijana 1996 - ein Jahr nach Kriegsende - nach dem Krieg die Organisation gründete. Da sie die TV-Serie Star Trek liebte, gab sie der Organisation einen Namen aus der Science Fiction-Serie. In einer Folge wird ein Planet entdeckt, der die besten Voraussetzungen hat, eine neue, friedliche Heimat für die Menschheit zu werden. Dijana wünschte sich, dass aus dem vom Krieg heimgesuchten Land Bosnien und Herzegowina solch ein ähnlich friedlicher Ort wird. Heute ist Genesis eine der größten Nichtregierungsorganisationen in dem Land.

Seit Jahren im Einsatz gegen die ethnische Trennung an Schulen

Schon seit Jahren arbeitet die Organisation an den ethnisch geteilten Schulen. Dijana erzählt uns, dass Genesis Ender der 1990er Puppentheateraufführungen zur Aufklärung über die Minengefahr in Bosnien und Herzegowina durchführen wollte. Schockiert sei sie damals gewesen, als die Schulleiter verhindern wollten, dass ihre Schülerinnen und Schüler bei diesen Aufführungen gemischt werden sollten. Danach entschloss Genesis sich, die Schülerinnen und Schüler jetzt erst recht zusammenzubringen. Gemeinsam mit UNICEF führte Genesis in den vergangenen Jahren schon mehrere Workshops an den "Zwei Schulen unter einem Dach" durch. Das Projekt mit Schüler Helfen Leben stellt eine Weiterentwicklung dieser Aktivitäten dar.

Dijana und Azra erklären uns, dass man sehr vorsichtig sein muss, wenn man in den "Zwei Schulen unter einem Dach" arbeiten will. Genesis ist die einzige Organisation, die die Erlaubnis hat, Seminare und Puppentheateraufführungen an diesen Schulen durchzuführen. Wenn die Organisation sich auf politischer Ebene für die sofortige Aufhebung der "Zwei Schulen unter einem Dach" einsetzen würde, könne sie dieses Recht verlieren, sagt Azra. Deshalb konzentriert sich Genesis auf die direkte Arbeit in den Schulen und versucht dort, das Bewusstsein der Lehrer, Eltern und Schüler zu verändern. So will die Organisatione einen Beitrag für ein aktives Miteinander aller Bevölkerungsgruppen und gegen die vorherrschende Trennung leisten. "Es ist ein langsamer und mühsamer Weg", fügt Azra hinzu. Resigniert wirkt sie dabei nicht.

Autor: Felix Lorenzen

 

Bilder von der Organisation Genesis

Die Puppen gehören zu den wichtigsten Elementen der Arbeit von Genesis

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Puppen selbst hergestellt

Bojana und Rüdiger von Schüler Helfen Leben in einem Klassenraum einer ethnisch geteilten Schule

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Genesis zusammen mit Bojana und Rüdiger von Schüler Helfen Leben

In einem ihrer Projekte klären die Mitarbeiter von Genesis über die Minengefahr in Bosnien auf

Projektleiterin Azra leitet einen Workshop

Rüdiger und Aida von Schüler Helfen Leben im Gespräch mit Dijana von der Organisation Genesis

Im Büro der Organisation Genesis hängen überall Puppen

Sasa und einer seiner Kollegen bei einer Puppentheateraufführung



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