Einblicke in das Freiwillige Soziale Jahr bei Schüler Helfen Leben in Rahovec

Schüler Helfen Leben (SHL) bietet jungen Menschen aus Deutschland die Möglichkeit Auslandserfahrung zu sammeln und sich ehrenamtlich für Gleichaltrige auf dem Balkan einzusetzen. So engagiert sich beispielsweise Sarah Houter (18) derzeit im Jugendzentrum von Schüler Helfen Leben im kosovarischen Rahovec/Orahovac. Im Interview erzählt sie, wie sie zu SHL kam, berichtet von der Lebenssituation in Kosovo, der Projektarbeit vor Ort, und  warum sie gerne Kaffee trinken geht ohne eine Kaffee-Vorliebe zu besitzen.

 

Warum Sarah, warum SHL, warum Kosovo?

 

Sarah Houter hat im August 2011 ihr Auslandfreiwilligenjahr in der kosovarischen Stadt Rahovec/Orahovac angetreten. Zusammen mit Sebastian, der sich ebenfalls für einen Freiwilligendienst im Jugendzentrum entschieden hat, werden nicht nur die täglichen Aufgaben im Jugendzentrum, eine Wohnung und ein Auto geteilt, sondern vor allem auch viele neue Eindrücke und Erfahrungen aus dem Leben auf dem Balkan gesammelt. Sarah ist 18 Jahre alt, kommt ursprünglich aus einer Gemeinde namens Kissing (südlich von Augsburg) und hat im vergangenen Jahr ihrer Schullaufbahn an dem Maria-Ward-Gymnasium ein erfolgreiches Ende gesetzt. Zu SHL ist sie bereits vor zwei Jahren, im Zuge ihrer Arbeit in der bayerischen Schülervertretung gestoßen. Bei basis'09, einem Schüler_innenkongress der LandesschülerInnenvereinigung Bayern e.V., hatte sie SHL besser kennengelernt, um sich dann schließlich auch aktiv im Zuge der Schultouren mit und für SHL einzusetzen. Ihre Pläne, nach dem Abitur auf dem Balkan zu arbeiten und zu leben, konnte sie dann bei SHL Kosova in die Tat umsetzen. Ihr persönlicher Bezug zum Kosovo hat unter anderem in ihrer Familiengeschichte und der Liebe zur (Balkan-)Musik seinen Ursprung und war ihre Hauptmotivation ihren Freiwilligendienst auch genau an diesem Ort zu verbringen.

 

 

Wie war die anfängliche Zeit in deinem neuen Umfeld? Hast du ich schon eingelebt?

 

Meine erste Zeit im Kosovo verbrachte ich ja nicht direkt in der Stadt Rahovec, sondern im 30 Kilometer entfernten Prizren. Dort wohnte ich bei einer sehr herzlichen und offenen Gastfamilie, die ich nach wie vor oft besuchen fahre, und konnte erste Eindrücke über die Lebensweise und Mentalität meiner Mitmenschen sammeln. Diese anfängliche Zeit war für mich aus verschiedenen Gründen sehr eindrucksvoll: Einerseits hatte ich das Gefühl, unendlich weit weg von dem Leben in Deutschland zu sein, und andererseits stellte sich bei mir sofort ein Gefühl des Zuhause-Seins ein.

Parallel dazu konnte ich die wunderschöne Stadt Prizren genießen, erste Albanisch-Erfahrungen sammeln und einen Sprachkurs besuchen. Dies war mir besonders wichtig, um eine Kommunikationsbasis für die Arbeit mit den Jugendlichen in Rahovec zu schaffen. Als dann die Projektarbeit und das Leben in Rahovec begann, ging alles sehr schnell. Wir wurden in die verschiedenen Aufgabenbereiche eingewiesen und konnten von Beginn an sehr selbstständig arbeiten. Durch den Kontakt mit den Jugendlichen hat sich auch mein Sprachverständnis rapide verbessert.

 

Wie sieht deine Arbeit im Projekt konkret aus?

 

Das Jugendzentrum besteht aus zwei Treffpunkten: dem SHL-Haus im unteren, albanischen Teil der Stadt und dem Jugendzentrum im oberen, serbischen Teil der Stadt, wo sich auch unsere Wohnung befindet. Jeder von uns arbeitet drei Tage die Woche im unteren und zwei Tage im oberen Jugendzentrum, welches vor allem für viele junge Roma ein wichtiger Anlaufpunkt geworden ist. Da Sebastian im Gegensatz zu mir die serbische Sprache lernt, ist für ihn die Kommunikation im oberen Stadtteil natürlich häufig einfacher. Das heißt allerdings nicht, dass ich keinen Kontakt mit den serbischen Jugendlichen habe, nur unsere Kommunikationssprache ist eben ein Mix aus Englisch, Albanisch, Serbisch und Deutsch. Manchmal mischt sich übrigens auch noch Spanisch und Französisch dazu, die Mehrsprachigkeit der Menschen hier ist eine große Hilfe und auch ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte der Bewohner von Rahovec.

Neben dem Französisch-Sprachkurs, den ich leite, organisiere ich auch Freizeitangebote wie gemeinsames Kochen, Kinoabende oder größere Aktionen wie eine Demonstration zum Thema Demokratie. Natürlich freundet man sich mit einigen Jugendlichen aus dem Zentrum bei so viel Kontakt schnell an. Weitere Projekte für die Zukunft, darunter ein Theater-Workshop und ein größeres Projekt zum Thema Street Art, sind bereits in Planung.

 

Bilder aus Rahovec

Der Ausblick von Sarah's Appartment

Gelebtes Jugendengagement bei der Demonstration am Tag der Demokratie

Das Jugendzentrum im oberen Teil von Rahovec.

Die zahlreichen Teilnehmer der Demonstration am Tag der Demokratie sorgten für Aufsehen

Landschaft Rahovec

Dämmerung in Rahovec

Was würdest du zu den schwierigsten, was zu den schönsten Aspekten deiner Arbeit zählen?

 

Es klingt fast ein wenig kitschig, aber für mich ist es ein unglaublich schönes Gefühl, morgens die Türe des oberen Jugendzentrums aufzuschließen. Die Begeisterung der Kinder, die teilweise schon auf die Öffnung gewartet haben, und mit Freude und Geschrei in das Zentrum laufen, um dort über andere Kulturen zu erfahren, am Sprachunterricht teilzunehmen und gemeinsam Spaß zu haben, ist überwältigend. Viele junge Leute, mit denen wir in Rahovec arbeiten, sind sehr wissbegierig, freuen sich über Erzählungen aus dieser anderen, westlichen Welt, die ihnen oftmals verwehrt bleibt, und wollen alles ganz genau wissen. Das kann natürlich manchmal auch schwierig sein, vor allem wenn sie persönliche Gegenstände von mir sehen und diese haben wollen, oder mich um Geld für eine Cola bitten.

Die Armut der Menschen im Kosovo ist nicht zu vergleichen mit dem, was man in Deutschland als Armut definiert. Gerade jetzt, wo es langsam kälter wird, zeigt sich, wie dringend die Menschen hier Unterstützung brauchen, da oftmals nicht mal für Grundbedürfnisse wie warme Kleidung gesorgt ist. Kleine Kinder, die bei Minusgraden mit Sandalen zum Sprachunterricht laufen und diverse Schichten an zu großen und zu kleinen Kleidungsstücken übereinander tragen, zeigen die soziale Kluft zwischen ihrem und meinem Herkunftsland. In solchen Momenten ist es schwierig für mich, mir vorzustellen irgendwann wieder nach Deutschland zurückzukehren.

 

Was ist deiner Meinung nach die größte Hürde bei der Zusammenführungsarbeit der serbischen und albanischen Bevölkerung der Stadt?

 

Die Tatsache, dass es wirklich keine Orte gibt, an denen sich serbische, albanische und Roma-Jugendliche in Rahovec auf "neutralem" Boden treffen können, ist ein großes Problem. Denn ein solcher Ort befindet sich grundsätzlich entweder im albanischen oder serbischen Stadtteil und durch die Erlebnisse in der Vergangenheit, die auch den Kindern durch ihre Familien mitgegeben werden, ist es sehr schwer, in den Köpfen eine gewisse Offenheit zu schaffen.

Die Sprachunterschiede an sich sind übrigens, anders als oft angenommen, eigentlich kein Thema. Die meisten Roma sind bilingual und obwohl Serbisch und Albanisch zwei vollkommen unterschiedliche Sprachen sind, beherrschen die meisten Menschen beide. Allerdings merkt man gerade bei den älteren Leuten häufig, dass sie zwar beide Sprachen sprechen könnten, jedoch nur ihre Muttersprache nutzen möchten. Im Jugendzentrum habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es gar kein Problem ist, dass ich nicht beide oder alle Sprachen beherrsche: während des Unterrichts wird ganz selbstverständlich einander ausgeholfen, wenn sich ein sprachliches Hindernis ergibt.

Trotzdem fällt mir auf, dass noch viele Vorurteile in den Köpfen der jungen Leute über die andere Bevölkerungsgruppe den Ton angeben. Das ist zum Teil bei den Jugendlichen noch viel ausgeprägter als bei den älteren Bewohner der Stadt. Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt, dass die jungen Leute einfach noch einen ausgeprägteren "ideologischen Kampfgeist" haben oder ob das, was ihnen oftmals durch diverse Schulbücher und ihre Familien vermittelt wird, sich in den Inhalten verschärft hat.

 

Wie könnte man dieser Problematik weiter entgegenwirken?

 

Ich glaube, ein großer Teil dieser Reibungen entsteht durch die Armut und Aussichtslosigkeit der Menschen hier. Die Menschen können ihre Potenziale nicht entfalten und haben kaum Aussicht auf das, was ihnen tagtäglich in den Medien als westlicher Standard vorgeführt wird. Die Jugendlichen haben hier ja auch Fernsehen und Internet. Da ist es schwer, nicht frustriert zu sein mit dem, was man vor Ort an Möglichkeiten vorfindet. Außerdem kommen im Sommer jedes Jahr die Kosovaren, die im Ausland leben und arbeiten, und vermitteln fast ausschließlich das Bild, dass man im Ausland sofort einen Job findet, jede Menge Geld verdient, ein großes Auto fahren und sich quasi alles leisten kann. Von Visumsproblemen oder dem Fakt, dass oft keine Arbeitserlaubnis erstellt wird, hören die Jugendlichen hier selten etwas. Hinzu kommt, dass viele alte aber auch junge Menschen ihre traumatischen Erfahrungen und Eindrücke aus dem Krieg überhaupt nicht aufgearbeitet haben - was das interethnische Zusammenleben der Menschen sehr schwierig macht.

Deswegen versuchen wir auch einen Platz für diese Kommunikation zu schaffen, sei es beim gemeinsamen Lernen, beim Musizieren oder beim täglichen Kaffee trinken. Obwohl ich persönlich ja Kaffee überhaupt nicht trinke, ist mir gerade hier aufgefallen, wie wichtig für die Menschen das Zeremoniell zum Austausch ist: man trifft sich zu nahezu jeder Tageszeit und Gelegenheit zum Kaffeetrinken. Dass ich den "Kaffee domestica", der vor dem Genuss dreimal aufgekocht werden muss, dann lieber mit einem Tee tausche, hat schon einige Menschen in Staunen versetzt. Aus diesem Ritual wurde übrigens auch das Projekt "Coffee and Grounds", eine wöchentliche Diskussionsrunde auf Englisch, gegründet, zu dem natürlich jeder eingeladen ist-ob Kaffee Trinker oder nicht.