Die Belgrade Gay Pride Parade 2010 - ein neuer Versuch

- (Foto: Srđan Kalinić)
Die serbische LGBT-Szene unternimmt einen neuen Versuch, in der Hauptstadt Belgrad eine Gay Pride Parade zu organisieren. Sie soll am 10. Oktober unter dem Motto "Marschieren wir gemeinsam" stattfinden. Rund um die Parade sind zahlreiche schwul-lesbische Events geplant.
Pride 2001
Zuvor gab es in Belgrad nur ein einziges Mal eine Gay Pride Parade im Jahr 2001. Diese verlief jedoch alles andere als friedlich. Die friedlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Parade wurden von Mitgliedern rechtsextremistischer Gruppen und Fußball-Hooligans brutal attackiert. 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und 8 Polizisten wurden schwer verletzt.
Das Trauma von 2001, die stetige Gefahrensituation und die Bedrohungen, denen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle Tag für Tag in Serbien ausgesetzt sind, machten es in den folgenden 7 Jahren unmöglich, eine weitere Gay Pride Parade zu veranstalten.
Pride 2009
Erst 2009 unternahm die LGBT-Community einen erneuten Versuch, in Belgrad eine Parade zu veranstalten. Dies hatte einerseits damit zu tun, dass die serbische Regierung Anfang 2009 ein umfassendes Anti-Diskriminierungsgesetz auf den Weg gebracht hat, das erstmals Schutz gegen verschiedene Formen von Diskriminierung beinhaltete - unter anderem auch den Schutz vor Benachteiligung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlecht. Daraus schöpfte die LGBT-Community Hoffnung, ihre Rechte nun endlich verwirklichen zu können.
Ein weiterer Grund für die LGBT-Community 2009 eine Gay Pride Parade zu organisieren war, dass sie sogar von Regierungsseite dazu ermutigt wurde. Der Innenminister selbst, Ivica Dačić, garantierte für die Sicherheit der Parade. "In diesem Land hat niemand das Recht, jemanden anderen zu bedrohen", so Ivica Dačić im August 2009.
Doch in letzter Minute untersagte die Polizei die Veranstaltung, die im Vorfeld zahlreiche Drohungen von Seiten rechtsradikaler Extremisten erhalten hatte. Überall in Belgrad tauchten homophobe Graffitis auf. "Tod den Homosexuellen" war eine der Parolen, die man überall lesen konnte. Die Einschüchterungen der Rechtsextremen hatten Erfolg, die Polizei sagte die geplante Parade aus "Sicherheitsgründen" ab. Die Täter blieben bislang unbehelligt.
Vorbereitungen und Pressekonferenz zur Parade (Fotos: Srđan Kalinić)
Pride 2010
Die LGBT-Community in Serbien ist sich der Gefahren, denen sie ausgesetzt ist, sehr bewusst. Club- und oder Barbesuche sind gefährlich, nicht selten warten Rechtsradikale auf das homosexuelle Partyvolk, um dieses zu bedrohen oder sogar lebensgefährlich zusammenzuschlagen. Jede offizielle Party von Homosexuellen wird von der Polizei bewacht. Händchen haltend mit der Partnerin oder dem Partner durch Belgrads Einkaufsstraßen zu gehen - dies ist für die Homosexuellen in Serbien ein Traum. Überall droht physische oder psychische Diskriminierung.
Die LGBT-Community möchte aber nicht länger an den Rand der serbischen Gesellschaft gedrückt werden. Sie möchte im Vorfeld der Vorbereitungen der serbischen Regierung auf eine mögliche EU-Mitgliedschaft die Bevölkerung aufrütteln und ihre Rechte einfordern.
Sie lässt sich nicht einschüchtern und plant für den 10. Oktober die Gay Pride Parade in Belgrad. Die Veranstaltung wird von der Gay-Straight-Alliance, dem Queeria Zentrum zur Förderung der Kultur der Gewaltlosigkeit und Gleichberechtigung, einer Organisation aus Novi Sad, und vielen weiteren Gruppen organisiert.
Es soll eine friedliche und gewaltfreie öffentliche Veranstaltung werden, die der serbischen Gesellschaft zeigen soll, dass auch lesbische, schwule, bisexuelle und Transgender-Personen mit ihren Freunden, Familien und allen Befürworterinnen und Befürwortern von Toleranz und der Verwirklichung der Menschenrechte frei und ohne Angst durch Belgrads Straßen ziehen können.
Für die Veranstalter bedeutet die Parade weitaus mehr als nur eine Party. Sie soll die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Probleme lenken, mit denen die LGBT-Community täglich konfrontiert wird und ohne staatliche Hilfe und Schutz umgehen muss.
Die LGBT-Community und ihre Unterstützer werden auf der Parade ganz konkrete Forderungen stellen - die Regierung soll aufgefordert werden, systematisch gegen die Gewalt und Diskriminierung vorzugehen. Der Gesundheitsminister Milosavljević soll aufgefordert werden, Verantwortung zu übernehmen und die Gesellschaft aufzuklären, dass Homosexualität keine Krankheit ist. Umfragen zufolge glauben nämlich 67% der Bevölkerung in Serbien, dass Homosexualität eine Krankheit und damit heilbar sei. So gibt es zahlreiche Kliniken, die vermutlich staatlich finanziert werden, in denen Homosexuelle "geheilt" werden sollen.
Für dieses Jahr sichert der serbische Innenminister und damit Polizeichef Ivica Dačić zu, die Teilnehmer der Parade vor Übergriffen zu schützen. Es werde keine Gewalt geduldet, den neuerlichen Drohungen würde bereits nachgegangen und deren Urheber bestraft. Auch das Ministerium für Menschen- und Minderheitenrechte steht hinter der Gay Pride 2010.
Die Route der Parade richtet sich nach Sicherheit
Die Route der diesjährigen Gay Pride wird im Zentrum von Belgrad beginnen und auch enden. Sie wird an zahlreichen staatlichen Institutionen vorbeiführen, wie beispielsweise dem serbischen Parlament, dem Justizministerium, dem Gesundheitsministerium, dem Verfassungsgericht, Gerichtshof und dem Finanzministerium.
Situation von Homosexuellen, Bisexuellen und Transgender-Personen in Serbien
Der Versuch der LGBT-Communities in Ost- und Südosteuropa ihre Rechte einzufordern trifft häufig auf gewaltvolle Opposition. Obwohl der Polizeischutz während verschiedener Gay Prides in manchen Ländern dieser Region in den letzten Jahren zugenommen hat, wie z.B. in Bulgarien und Rumänien, bleibt das Gefahrenniveau in vielen Balkanländern wie in Serbien weiterhin sehr hoch.
Das Recht auf Versammlungsfreiheit wird garantiert durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Artikel 20), den Internationalen Pakt für Bürgerliche und Politische Rechte (Artikel 21), der Europäischen Menschenrechtskonvention (Artikel 11) und der Menschenrechtscharta der Europäischen Union (Artikel 12). Die Anerkennung, Garantie und Verwirklichung dieses Rechts wird von allen Ländern, die eine EU-Mitgliedschaft anstreben, erwartet. Es die Pflicht dieser Länder ihre Bürgerinnen und Bürger in gleichem Maße vor Diskriminierung zu schützen.
Gefahren bei der Parade
Auch wenn die diesjährige Gay Pride in Serbien mehr Unterstützung durch Politikerinnen und Politiker und Menschen des öffentlichen Lebens erfährt, ist noch längst nicht die Sicherheit der Paradeteilnehmerinnen und -teilnehmer garantiert. Laut Angaben der Organisatoren sind bereits Gewaltandrohungen von Extremisten bei Facebook und YouTube aufgetaucht. Es wird noch lange dauern, bis die konservative serbische Gesellschaft LGBT-Mitglieder und ihre Lebensweise akzeptiert und ihr nicht mehr feindlich gegenübersteht.
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