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Das PAT 2008

Dafür wollen wir Helden sein!

Schüler aus ganz Deutschland wählten auf dem Projektauswahltreffen (PAT) das Jugendprojekt, das von den Spendeneinnahmen des Sozialen Tages 2008 von SHL finanziert werden wird. Kein langweiliger Wahlakt sondern vielmehr ein Wochenende im Balkanfieber!

Über 250 Schüler springen wild jubelnd in die Luft. Die Stimmung in der Veranstaltungshalle in Berlin-Mitte ist auf dem Höchstniveau. "Und gewonnen hat...!", ruft Moderator Paul in die Menge. Endlich, nach einem ereignisreichen Wochenende steht es nun fest, der höchste Balken des Wahldiagramms zeigt es schwarz auf weiß: Das Projekt "Hilfe und Zukunft für Jugendliche in Not" in Albanien wird durch die Spenden des Sozialen Tages 2008 realisiert werden. Das haben die Schüler entschieden. Für dieses Projekt wollen sie einen Tag lang schuften. Für dieses Projekt wollen sie einen Tag lang Helden sein. "Na dann: herzlichen Glückwunsch dem Projekt!", fügt Lisa, die zweite Moderatorin, euphorisch hinzu. Fröhliche Gesichter soweit das Auge reicht.

Ein Wochenende Balkan und Begeisterung

Die Entscheidung der engagierten Schüler für dieses Projekt in Albanien kam allerdings nicht aus dem Bauch heraus. Ein ganzes Wochenende vom 18. bis 20. April nahmen sie sich Zeit, um Südosteuropa und die Bewerberprojekte kennenzulernen und eine gute Entscheidung zu treffen.Einen Tag vor der Wahl reisen aus allen Teilen Deutschlands Schüler in die Hauptstadt Berlin und kommen in der Stadtmission nahe des Hauptbahnhofs zusammen. "Woher kommst du?" "Aus Hamburg." "Ich bin aus Chemnitz." Ein weiterer: "Und ich komme aus einem Kaff bei Wiesbaden. Bin an meiner Schule Schulsprecher. Und ihr? Warum seid ihr hier?" "Ich wollte auf alle Fälle herkommen. Bin ja schon seit zwei Jahren bei SHL aktiv." "Och, ich fand das Ganze klang einfach interessant und da hab ich meine Direktorin gefragt, ob ich teilnehmen darf." Vor dem Haupteingang, im Speisesaal, im gemeinsamen Zimmer lernt man sich näher kennen und ist gespannt auf das bevorstehende Wochenende.

Ein munterer Balkanabend

Schon am Freitag beginnt das Programm mit spannenden Workshops, an denen die Jugendlichen je nach Interesse teilnehmen. Die einen tanzen traditionelle Tänze, die anderen lernen ein paar Worte Bosnisch, die dritten üben sich im Zubereiten echten, starken Balkankaffees. Ja, richtig! Noch ein Löffel mehr Kaffee! Ein panisch dreinblickender Organisator hetzt durch den Technikbereich: "Die Musikanlage beim Tanzworkshop ist ausgefallen! Tanzworkshop ohne Mukke ist ziemlich witzlos", schimpft er im Vorbeieilen. "Weiß hier irgendjemand, wo Raum 104 ist?", fragt eine verwirrte Schülerin auf verzweifelter Suche nach ihrem Workshop. Hier und da ein wenig Improvisation und schon ist der Abend noch balkanmäßiger und umso lustiger. Bei der nächtlichen Filmvorführung von "No Man's Land" liegen dann viele schon erschöpft vom Kennenlernen neuer Menschen, Länder und Traditionen seelig schlummernd im Bett.

Workshops rund um Südosteuropa

Am Samstag wird dann etwas ernsthafter gearbeitet. Nach einer Einführung in die Arbeit von Schüler Helfen Leben finden in Kleingruppen thematische Workshops statt. "Ich habe eine Projektidee und wusste nicht so richtig, wie ich die umsetzen kann. Aber in meinem Workshop haben mir einige mit ihren Erfahrungen echt weiterhelfen können! Jetzt glaube ich, dass das klappt", berichtet die Schülerin Tanja. Das Workshopangebot reicht vom praktischen Lernen, wie man eine Projektidee selbst in die Tat umsetzt, über geschichtliche Einblicke in die komplizierten Verhältnisse auf dem Balkan bis hin zu Gesprächsrunden mit bosnischen Jugendlichen oder einem Überlebenden des Massakers in Srebrenica. Ein nachdenklich gestimmter Mithörer des Zeitzeugengesprächs über die Vorfälle in Srebrenica muss "das alles erstmal verdauen". Teils etwas klüger, teils motivierter, teils beeinruckt oder niedergeschlagen auf Grund der unterschiedlichen Themen tauschen sich die alten und neuen Freunde über Erfahrenes aus. "Und wie war's bei dir?" In den Gängen wimmelt es stets von Schülern und Organisatoren. Einige suchen, andere finden, wieder andere naschen vom leckeren Snackbuffet oder fletzen sich einfach mal ein Minütchen in den Sessel. "Boa, ich brauch mal ne Pause!"

Und dann die Wahl

Aber am Nachmittag geht es dann in die Vollen. Die zur Wahl stehenden Projekte werden auf Plakatwänden, dem sogenannten Marktplatz, vorgestellt. "Youth Bank", "Jugendarbeitslosigkeit in Südosteuropa" oder schlicht "Prepare" nennen sich einige der Projekte. Schüler laufen durch den Schilderwald und notieren Informationen. SHL-Verbundene zeigen währenddessen, informieren und erklären. „Wusstest du, dass im Kosovo von 100 Jugendlichen nur 40 einen Job finden können?" Und: „In Bosnien gibt es Schüler, die noch nie mit einem Gleichaltrigen  einer anderen Volksgruppe gesprochen haben." Nachdenkliche Gesichter. „Wenn wir Party machen, dann holt jemand die Gitarre raus und wir singen traditionelle Lieder. Die kann jeder auswendig, ob 7 oder 70 Jahre alt", erzählt Nermin einem Mädchen. Er reiste extra zum PAT aus seinem Land Bosnien an, um aus dem SHL-Projekt, in dem er selbst auch engagiert ist, zu berichten. Neugierig schaut man sich um, fragt andere nach ihrer Meinung. Welches Projekt würde wohl am meisten Zustimmung bekommen?

"10, 9,8 - das ist eure letzte Chance mitzubestimmen!", ruft Paul. Der Countdown läuft. Die letzten Wahlzettel werden hastig in die Urne gestopft. Das Fernsehen hält den Moment fest. "...uuuund Schluss!"

Drei spannende Stunden später tobt die Menge in der Veranstaltungshalle als Paul verkündet: "Und gewonnen hat... das Projekt Hilfe und Zukunft für Jugendliche in Not!"

Leben in Monotonie

Zur gleichen Zeit 2000 Kilometer weiter südöstlich, am Stadtrand des albanischen Durres, könnte sich diese Szene abspielen: Ein albanischer Junge sitzt auf einem rostigen Treppengeländer in einer vermüllten Hofeinfahrt.  Skeptisch beobachtet er die wenigen vorbeieilenden Leute. Wohin sie wohl gehen? Zur Arbeit, in die Universität oder zum Zahnarzt? Samed ist 17 Jahre alt. Seine Eltern zogen mit ihm vom Land in die Stadt, als er ein kleiner Junge war. Es trieb sie die Hoffnung, einen Job zu finden. Der Erfolg blieb aus, mit Gelegenheitsjobs wird ein Tag nach dem anderen gemeistert. Die Schule hat Samed nur gelegentlich besucht. Er hatte oft keine Lust oder musste Zuhause aushelfen. In der linken Hand hält er eine Zigarrette, mit der rechten pult er gelangweilt die Farbe vom rostigen Metall. Ein Hustenanfall schüttelt ihn. Eigentlich müsste er zum Arzt, aber wie an die nötigen Papiere kommen, wenn man nicht einmal bei den Behörden gemeldet ist? Dass Rauchen Lungenkrebs verursachen kann, hat ihm auch noch nie jemand erzählt. Immerhin bekämpft es die Monotonie des Moments. Samed würde gern etwas Sinnvolles tun. Elektrische Geräte haben ihn schon immer fasziniert, er bastelt gern. Aber wo anfangen? Wen fragen? Als ob ihm jemand zuhören würde. Wer ist er denn schon? Seine Familie hat eigene Probleme, Freunde hat er kaum. Er ist misstrauisch, andere haben ihn schon zu oft enttäuscht, betrogen, beraubt. Eine Zukunft? Was ist denn schon die Gegenwart!?

Änderung in Sicht

Samed weiß noch nicht, dass Hilfe endlich naht; dass in diesem Moment von über 250 PAT-Teilnehmern in Berlin beschlossen wurde: Dir und deinen Altersgenossen in Albanien wollen wir helfen. Wir spenden unseren Arbeitslohn, damit die Organisation "Women Supporting Women" ihr Hilfsprojekt für albanische Jugendliche mit all den Problemen, die auch der fiktive Samed hat, in die Tat umsetzen kann. In neunmonatigen Kursen sollen Jugendliche Informationen über ihre Rechte, über Gesundheit und Ausbildungschancen bekommen und auch die nötige praktische Unterstützung erhalten. Trainings und Ausbildungen sollen für zukünftige Jobs vorbereiten und gemeinsame Unternehmungen die Jugendlichen einander näher bringen. Ziel sei es dabei, dass "möglichst viele Jugendliche (...) an diesen Programmen teilnehmen können". Das klingt nach einem Hoffnungsschimmer. Das klingt ein wenig nach Zukunft

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Nach diesem nervenaufreibenden Wahlabend haben es sich die Schüler in Berlin verdient. Noch während die Masse jubelt, wird das Licht im Saal gedimmt, beginnen die Musikboxen zu vibrieren, der Bass drönt. "Get the party started!" - das lassen sich die PAT-Teilnehmer nicht zweimal sagen. Während sie bis tief in die Nacht feiern, tanzen und spontane Bühnenshows hinlegen, wird in den Redaktionsbereichen für die PAT-Zeitung ein feuriger Endspurt hingelegt. "Die Artikel müssen in einer halben Stunde fertig sein!", ruft Chefredakteur Patrick mahnend hinter die dürftig schallisolierende Trennwand des Redaktionsbereiches. Die Köpfe rauchen, die Konzentration schwindet und die Füße zucken zum Beat der Musik, die vom Partyraum herüberschwappt. "Endlich fertig!", sagt Andreas erleichtert, klappt den Laptop zu und entschwindet flugs auf die T