Historisches Spiel

von Lukas David Meyer, 19 Jahre
aus Sarajevo, Bosnien und Herzegowina
Projekt SHL-Office
02.09.2009 11:26 Alter: 3 Monat(e)

Ein leichtes Tippen auf die Mütze und Jakob ist drin. Er stösst zu Kaspar, Niklas und mir. Gemeinsam mit meinen deutschen Besuchern will wir das Fussballspiel F.K. Sarajevo - C.F.R. Cluj angucken. Es ist die erste Spielrunde der Europa-Liga und gleich wird dem Publikum in Sarajevo ein historisches Spiel geboten. Erstmals nach dem Krieg schaffte es ein bosnisch-herzegowinischer Club, gleich zwei Vereine in diesem europäischen Wettbewerb auszuschalten. Spartak Trnava aus der Slowakei und Helsingborgs IF aus Schweden wurden Opfer des begeisternden bosnischen Offensivfussballs.

Entsprechend gross ist die Aufregung in Sarajevo. Beachtliche 20.000 Zuschauer sind ins Olympia-Stadion der Winterspiele 1984 gekommen. Gründlich werden die Zuschauer geprüft auf gefährliche Gegenstände. Auch unter einer Mütze könnte sich eine Pistole oder ein Messer verbergen, man ist vorsichtig geworden in Zeiten des Terrors. Nach meiner Anweisung liessen meine Freunde allerdings sämtliche Messer und Pistolen zu Hause, wir kommen also ungefährdet ins Stadion rein.

 

Das Spiel ist nicht sonderlich sehenswert. Der rumänische Riese aus Cluj geht schnell mit 1:0 in Führung und dominiert das Spiel. Meine deutschen Gäste Jakob, Kaspar und Niklas nutzen die Gunst der Stunde und lernen ein wenig bosnisch. Balkanesk-charmante Rufe wie "Ubi ga!" ("Bring ihn um!"), "Jebem ti majku/oca/familiju!" ("Ich ficke deine Mutter/Vater/Familie!", dieser Ruf wird fantasievoll variiert) oder "Bravo, majstore!" ("Bravo, Meister!") werden schnell erlernt.

Nachdem sie von mir die Bedeutung der unter Zuschauern gängigen Rufe erfahren, rufen sie wesentlich engagierter mit. Allerdings bleibt die zweifelhafte Unterstützung in der ersten Halbzeit noch ohne Erfolg. Dies ändert sich in der zweiten Hälfte dieses historischen Spiels. Sarajevo spielt mutiger und erzielt den Ausgleich. Beinahe wäre noch der Sieg gelungen, doch bleibt es schliesslich beim 1:1-Unentschieden.

 

 

Jubel nach dem 1:1-Ausgleich. Mirza Rizvanović (ganz rechts) macht seinem Ruf als Intelligenster im Team auch auf diesem Bild alle Ehre.

Man ist zufrieden in Sarajevo. Gegen Cluj hat man sich beachtlich aus der Affäre gezogen. An glorreiche Zeiten wie 1967, als man nur knapp im Europapokal der Landesmeister an Manchester United scheiterte, kann man sicherlich nicht anknüpfen. Doch gibt dieses Spiel den Einwohnern Sarajevos zumindest ansatzweise das Gefühl, dass man wieder wer sein könnte auf der europäischen Fussballbühne.

Mit meinen deutschen Gästen gehe ich schliesslich noch ein Bier trinken, um das Spiel gebührlich zu analyiseren. Als wir bosnische Freunde treffen, nutzt besonders mein Bruder Kaspar seine neu gewonnenen Sprachkenntnisse. So schliesst er an die zuvor schon erlernte Begrüssung "Zdravo!" ein direktes "Ubi ga!". Was in Deutschland vielleicht für Verstörung und Unwohlsein sorgen würde, wird hier mit einem begeisterten Lächeln aufgenommen. Dennoch ist das Stadion vielleicht nicht der geeignetste Platz, um diese Sprache zu lernen.

Zwei Wochen später ist der Traum von der grossen europäischen Fussballbühne übrigens ausgeträumt. Trotz guter Leistung unterliegt Sarajevo in Cluj knapp mit 2:1 und scheidet unglücklich aus. Die Bosnier konzentrieren sich nun wieder auf die Nationalmannschaft oder auf den V.F.L. Wolfsburg oder die T.S.G. Hoffenheim. Dort spielen nämlich die bosnischen Stars wie Zvjezdan Misimović, Edin D?eko oder Vedad Ibi?ević. So werden die zwei Vereine, die in Deutschland sicherlich zu den unpopulärsten gehören, in Bosnien und Herzegowina regelrecht verehrt.

Vieles spielt sich anders ab in diesem Land als in Deutschland. Eines aber ist ähnlich: Die Begeisterung für den Fussball, die nahezu das gesamte Land eint. Wollen wir hoffen, dass die bosnische Nationalmannschaft sich für die Weltmeisterschaft 2010 qualifiziert. Es würde den Einwohnern dieses Land sehr viel geben. Nicht neue Korruptionsfälle führender Politiker oder die nach wie vor stagnierende Situation wären das bestimmende Thema in Bosnien und Herzegowina. Sondern vielmehr das schöne Spiel dieser talentierten Mannschaft. Es wäre die erste Turnierteilnahme einer bosnischen Nationalmannschaft. Es wäre historisch.

http://www.youtube.com/watch?v=mpdBMUXhl7k