Die Taxifahrer Sarajevos
Öffentliche Verkehrsmittel bringen einen in Sarajevo nicht weit. Vom Flughafen in die Stadt kommt man nur mit einem Taxi. Mit Bus oder Tramvaj kommt man zuverlässig nur durch die Talsenke Sarajevos, sobald man etwas weiter auf einen der vielen Berge in Sarajevo muss, wird es kompliziert. So bin ich häufig auf Taxis angewiesen.
Jede Taxifahrt ist für sich speziell. Manchmal startet das Taxi mit dem Preis von 80 Pfennig (ca. 40 Cent), manchmal mit 1,50 KM (ca. 75 Cent); manchmal ist der Fahrer gesprächig, manchmal schweigsam; manchmal fährt er souverän, manchmal katastrophal. Alle Fahrten haben aber gemeinsam, dass ich vieles über die Stadt erfahren kann. Und dass mich noch nie eine Bosnierin gefahren hat.
Häufig erzählen die Fahrer gerne von den Dingen, die sie beschäftigen. Das ist in der Regel Krieg, Familie, Frauen oder Fussball. Gerne höre ich ihnen dabei zu.
Wartende Taxis in Sarajevo
So erzählte mir ein Fahrer, wie er während der Belagerung Sarajevos an der Front kämpfte. Tagelang hielt er sich an der Front auf, um etwa alle drei Wochen immer zurückzukehren zu seiner Familie. Seine beiden Töchter waren zu Beginn der Belagerung vier und acht Jahre alt, nun sind sie erwachsen. Dies machte den Unterschied während der Belagerung aus, vermutet er. "Die Aggressoren wollten doch grösstenteils eine Stadt erobern, die sie gar nicht richtig kannten. Wir Bewohner Sarajevos hatten unsere Stadt zu verteidigen, unsere Seele und unsere Familien."
Heute ist eine seiner Töchter verheiratet, wie er stolz erzählt. Bald wird er Grossvater werden. Er kann glücklich sein mit seinem Leben, glaubt er. Doch wünsche er sich manchmal, dass Sarajevo geblieben wäre wie während der Winterspiele 1984. "Alle waren glücklich und die Gäste begeistert von unserer Stadt. Was haben wir in einer wunderschönen Stadt gelebt, mein Sohn!", erzählt mir der väterliche Fahrer mit einem melancholischen Zug. Bevor er noch sentimentaler wird, sind wir angekommen. "Naja, was will man machen. Alles Gute, mein Sohn!", schliesst der Fahrer und wir gehen getrennte Wege.
Fahrende Taxis in Sarajevo
Doch muss nicht immer Krieg das Gespräch bestimmen. Einmal winke ich einen alten Mercedes heraus. Ich erzähle dem Fahrer, dass ich aus Deutschland komme und gerne Mercedes mag, was im Wesentlichen damit zusammenhängt, dass ich in seinem Mercedes fahre. Sofort ist er Feuer und Flamme und referiert über seinen Mercedes und seine zwei Besuche in Deutschland, als er sich beim ersten Mal diesen Mercedes, Baujahr 1978, abholte und beim zweiten Mal sich Ersatzteile sicherte, die man nur in Deutschland bekommen kann.
Nun stünde sein dritter Besuch an, fährt er fort. Er wird sich einen neuen Mercedes kaufen und diesen alten nach Albanien verkaufen. Deutschland spielt also die erste Mercedes-Liga, Bosnien die zweite und Albanien die dritte. Mercedes sei die beste Autofirma der Welt, konstatiert er mit grösser werdender Euphorie, aber auch Audi und BMW seien grosse deutsche Autofirmen.
Schliesslich kommt er auch auf Politik zu sprechen: Hitler sei auch gar nicht so schlecht gewesen, wie alle immer sagen. Er hatte wenigstens eine klare Struktur, befindet der inzwischen zum politischen Analytiker gewordene Fahrer. Schliesslich lenke ich das Thema wieder auf das Auto. Ein wenig traurig ist er schon, gibt er Taxifahrer zu, dass er den Mercedes nun abgeben muss. Aber der Motor macht nicht mehr so richtig mit, er freut sich auch auf seinen neuen Mercedes und einen neuerlichen Besuch in Deutschland. Am Ende der Fahrt habe ich nur 5 KM für die 3 KM teure Fahrt. Da er kein Wechselgeld hat, erlässt er mir grosszügig die Kosten und sagt "du musst nichts zahlen, zahl einfach ein ander Mal. Aber nur, weil du Deutscher bist! Wir sehen uns!".
So könnte er aussehen, der neue Mercedes des schmachtenden Taxifahrers
Allerdings sind die Taxifahrer Sarajevos nicht nur wache Beobachter der Stadt und des Landes. Manchmal werden sie auch zu persönlichen seelischen Beratern. Nach einer Verabredung mit einer Freundin nehme ich mir ein Taxi. Er sieht, dass ich mich von ihr mit Wangenkuss verabschiede und fragt sofort, wer das sei. Ich sage, dass ich mit diesem Mädchen mehrere Male ausgegangen sei. "Und, wie läuft es, ist schon was gewesen?", fragt er mich mit einem verschmitzten Grinsen. Ich verneine.
"Weisst du, du musst offensiver sein. Studiert sie?". Ich nicke. "Ruf sie morgen an, frag sie, was los ist an der Uni, bleib an ihr dran, lad sie immer wieder auf einen Kaffee ein! Du bist ja kein hässlicher Junge und dumm offenbar auch nicht, also zeig dein wahres Gesicht! Nur pass auf, dass du deinen Kompass nicht verlierst. Wenn sie so blöd ist und nicht will, dann lass sie fallen und such dir eine Andere. Die Sarajke (weibliche Bewohner Sarajevos) sind schön, das sagt man auf dem ganzen Balkan, es gibt also nicht nur die Eine, verstanden?". Die Fahrt ist vorbei, mit neuem Selbstbewusstsein gehe ich nach Hause. Zusätzlich zur Fahrt bekam ich ein unbezahlbares bosnisches Date-Coaching, ich bin hochzufrieden mit der Dienstleistung.
Auf diese Weise wird der Fahrpreis stets ergänzt um aufschlussreiche Gespräche über das Leben in Sarajevo. Die Taxifahrer sind in gewisser Weise der Puls der Stadt, sie kennen die Menschen und ergänzen ihre Kenntnisse um Halbweisheiten. Der Weisheit letzter Schluss ist damit sicherlich noch nicht erreicht, doch ist jede Taxifahrt auf ihre Weise unterhaltsam und inspirierend.
Wenn ich nun in kurzer Zeit nach Deutschland zurückgehe und mein FSJ beende, werde ich sicherlich die Taxifahrten vermissen. Denn erstens sind Taxifahrten in Deutschland wesentlich teurer, für einen Studenten praktisch unbezahlbar, und zweitens bedeutet eine Taxifahrt in Deutschland eine Taxifahrt und nicht mehr. Sobald ich wieder Sarajevo besuche, werde ich mir ein Taxi nehmen. Auf dass ich lernen möge über den Krieg, über deutsche Autos oder über bosnische Dating-Strategien.
