Die Sprache: eins, zwei oder drei? Oder vier? Oder noch mehr?
Ich fahre auf die kroatisch-bosnische Grenze zu. Es ist mein erster Grenzübergang mit einem Auto auf dem Balkan, also gehe ich noch einmal die zuvor gelernten Vokabeln durch. "Ich habe nichts zu verzollen, ich fahre nach Zagreb" und so weiter. Bis zum Zerfall Jugoslawiens wurden offiziell vier Sprachen gesprochen: slowenisch in Slowenien, mazedonisch in Mazedonien, albanisch im Kosovo und serbokroatisch in Serbien, Montenegro, Kroatien und Bosnien und Herzegowina. Ich bewege mich im Raum des serbokroatischen, also habe ich diese Sprache erlernt. Die Vokabeln kann ich alle, es sollte also kein Problem an der Grenze geben. Ich spreche serbokroatisch, der Gernzpolizist spricht serbokroatisch, was soll also sein?
Ich muss mich korrigieren, Verzeihung!
Zu jugoslawischen Zeiten war die Amtssprache serbokroatisch, inzwischen sind die Amtssprachen im gleichen Sprachraum kroatisch, serbisch, bosnisch und montenegrinisch. Sollen etwa innerhalb zweier Jahrzente aus der serbokroatischen Sprache die vier Sprachen bosnisch, kroatisch, montenegrinisch und serbisch entwickelt haben?
Nein. Eindeutig nein. Ich kann Sie beruhigen. Jeder versteht jeden, diese Diskussion um verschieden Sprachen ist infantil. Ich verstehe den Grenzpolizisten, der Grenzpolizist versteht mich.
Ich halte an, der Grenzpolizist kommt auf das Auto zu, ich reiche ihm meinen Reisepass. Er möchte mich fragen, ob ich etwas zu verzollen habe, ist aber wegen meines deutschen Passes und meines deutschen Kennzeichens etwas verunsichert. Bevor er etwas sagen kann, lächele ich ihn an und sage: ?Ich spreche bosnisch!?. Er guckt mich entgeistert an. "Und kroatisch?", fragt er barsch. Ich bin geneigt zu sagen "Ja, und ich spreche serbisch, montenegrinisch, vojvodinisch, sarajevisch, zagrebisch, belgradisch kann ich auch ganz gut und im mostarisch werde ich auch immer besser!", da ich aber keinen Ärger mit dem Grenzpolizisten haben möchte, verzichte ich auf die Provokation und antworte: "Ja, ich spreche auch kroatisch.".
Ist es also doch nicht eine Sprache? Sind es zwei Sprachen, wie zunächst zu Beginn der 90er Jahre festgehalten, als man im Zuge der Loslösung Kroatiens von Serbien nur noch von kroatisch und serbisch sprach? Sind es vielleicht auch drei Sprachen, da die Bosniaken nach dem Bosnien-Krieg nicht hinnehmen wollten, dass sie kroatisch oder serbisch sprechen, also eben die Sprache jener Parteien, die sie im Krieg bekämpft hatten? Oder sind es sogar vier Sprachen, da heute offiziell auch noch in Montenegro montenegrinisch gesprochen wird und somit im serbokroatischen Sprachraum des ehemaligen Jugoslawiens bosnisch, kroatisch, montenegrinisch und serbisch gesprochen wird? Sind es vielleicht sogar noch einmal ein paar Sprachen zusätzlich?
13 ist meine Lieblingszahl, da ich zweimal am Freitag den 13. Geburtstag hatte und ganz sicher war, dass das keine Unglückszahl ist. Vielleicht kommen wir also im Folgenden noch auf 13 Sprachen, da wäre auch ich glücklich! Doch bleiben wir ernst, wir sind hier nicht beim Grand Prix d'Eurovision.
Regina, bosnischer Eurovisionsbeitrag 2009. Doch nochmals: Wir sind hier nicht bei der Eurovision!
Die Sprache, bzw. die Sprachen, baut auf dem Stokavischen auf. Die Bezeichnung Stokavisch leitet sich aus dem Fragewort für "was?", also "sto?" her. Im Stokavischen wiederum gibt es drei Varianten: Das Ekavische, das Ijekavische und das Ikavische. Diese drei unterschiedlichen Varianten lassen sich in ihrer Bedeutung anschaulich am Wort für Milch erklären:
Heißt es im Ekavischen Dialekt "mleko", so heißt es dagegen im Ijekavischen Dialekt "mlijeko" und im Ikavischen Dialekt "mliko". Die ekavische Variante wird in Serbien und im slawonischen Teil Kroatiens gesprochen, die ijekavische Variante in Teilen Bosniens, der Herzegowina, Kroatiens und Montenegro und in einem kleinen Teil Westserbiens, während die ikavische Variante in anderen Teilen Bosniens, der Herzegowina, und dem kroatischen Dalmatien, Istrien und Slawonien.
Abgesehen vom Stokavischen wird im serbokroatischen Sprachraum auch Kajkavisch und Cakavisch gesprochen. Diese Dialekte kann ich tatsächlich nur schwierig verstehen, aber da sie mir kaum begegnen und auch nur in vereinzelten Teilen der kroatischen Küste und Westslawoniens vorkommen, werde ich sie im Folgenden ein wenig ausklammern.
Übersicht im serbokroatischen Sprachraum
Bereits zu jugoslawischen Zeiten wurde die manchmal Serbokroatisch, manchmal Kroatoserbisch, genannte Sprache heftig diskutiert. Mit dem in Jugoslawien aufkommenden Nationalismus gegen Ende der 80er Jahre und dem Jugoslawien-Krieg Anfang der 90er Jahre erreichte die Sprachdiskussion eine neue Dimension. Nachdem Serbien und Kroatien sich 1991 bekämpften, wollte keine der beiden Nationen die verbindende Bezeichnung Serbkroatisch (bzw. Kroatoserbisch) stehen lassen. Es wurde versucht, Unterschiede zwischen beiden Sprachen zu beweisen, um die Unterschiede zwischen beiden Völkern zu bemühen. Dabei war die Argumentationslinie stets von politischen Ambitionen bestimmt, was eindrucksvoll am Beispiel des kroatischen Linguisten Babics veranschaulicht wird:
Im Jahr 1964 beklagte eben jener Babic, dass im jugoslawischen serbokroatisch versucht werde, alle Unterschiede zwischen dem ursprünglich Kroatischen und Serbischen auszumerzen, um eine einheitliche Sprache zu schaffen. Der kroatische Linguist befürchtete eine jugoslawische Verschmelzung und eine Unterdrückung der kroatischen Kultur. Genau jenes Argument wurde besonders gegen Ende der 80er Jahre rezitiert, als sich der Zerfall Jugoslawiens abzeichnete. Auf kroatischer Seite unternahm man alle Versuche, um die eigene Identität stärker herauszubilden durch Auslöschung alles serbischen in der kroatischen Sprache, was sich durch das gemeinsame Leben in einem jugoslawischen Staat über Jahrzente und in der vorherigen Geschichte über Jahrhunderte unweigerlich herausgebildet hatte. Auch konnte nicht einmal zwingend festgestellt werden, was nun serbisch und was nun kroatisch in dieser Sprache sein sollte.
Babic selbst wehrte sich gegen die neu entstandene Sprachentwicklung und sprach in seinem Werk "Kroatische Sprache im politischen Wirbel" (Hrvatski jezik pod politickom vrtlogu) von einer ?gewaltsamen Kroatisierung?. Der Begriff der "gewaltsamen Kroatisierung" beschreibt treffend, wie zu jener Zeit die Sprache reformiert wurde. Begriffe, die dem Serbischen entstammten, wurden gestrichen und teilweise wurden neue Wörter gebildet, die nicht einmal von der eigenen Bevölkerung verstanden wurden. Beispielsweise hieß der Helicopter im gesamt-serbokroatischen Sprachraum "helikopter". Im Kroatischen wurde schließlich das Wort "zrakomlat" gebildet, was sich aus "zrak" - Luft und aus "mlatiti" - prügeln zusammen bildet. Gewissermaßen wurde aus dem Helicoper der Luftprügeler, was sowohl in der deutschen Übersetzung als auch in der kroatischen Ursprungssprache überaus bizarr wirkt.
Die Sprachwissenschaft versuchte ? sofern politisch zu einer Loslösung vom Serbokroatischen motiviert ? Unterschiede zu beweisen und Übereinstimmungen der einzelnen Sprachen möglichst gering zu halten. Besonders absurd wurde dabei die Argumentationslinie Babics, der inzwischen in die Jahre gekommen in ein und demselben Werk im Jahr 2004 zunächst konstituierte, es gäbe 10 bis 20 % Unterschiede zwischen den auf das Stokavisch zurückgehenden Sprachen serbisch und kroatisch. Nur wenige Seiten darauf widerspricht Babic sich selbst und stellt die These auf, dass die Sprachwissenschaft bis dato dem Beweis schuldig geblieben sei, was überhaupt das kroatische und was überhaupt das serbische ausmache.
Das Beispiel Babic zeigt im Besonderen die Widersprüche und politisch-emotionalisierte Haltung der Sprachdiskussion im Allgemeinen. Andere Linguisten, die ebenso wie zuweilen Babic für die Herausbildung einer eigenen Sprachidentität einstanden, behaupteten, es gäbe zwischen den einzelnen Sprachen so große Unterschiede wie zwischen anderen Fremdsprachen auch, also beispielsweise deutsch und niederländisch. Sollte man sich also in all den jugoslawischen Jahren nur scheinbar verständigt haben können? Alles nur ein Spiel?
Dagegen hielten wiederum andere Linguisten fest, dass nicht einmal das Gestalten eines herkömmlichen Wörterbuches im Sinne des Prinzips kroatisch-serbisch, serbisch-kroatisch möglich wäre. Vielmehr müsste ein Wörterbuch der im Dialekt begründeten Unterschiede erarbeitet werden. Auch wurde gegen die Aufteilung einer Sprache in mehrere angebracht, dass die Unterschiede zwischen dem stokavischen und dem kajkavischen und cakavischen sehr viel ausgeprägter seien als im stokavischen selbst. Da kajkavisch und cakavisch nur in Kroatien gesprochen wird, wurde es kurzerhand als Dialekt im Kroatischen abgehandelt. Folglich sollte also ein Teil des Stokavischen gemeinsam mit dem Kajkavischen und Cakavischen die kroatische Sprache ergeben und dem zum Stokavischen zugehörigen Serbisch absolut unähnlich sein. Diese Argumentationslinie ist vereinfachend und veranschaulichend gesagt etwa so sinnig, wie zu behaupten, Hochdeutsch und der Hamburgische Dialekt seien sich unähnlicher als Hochdeutsch und Niederländisch.
Ausländische Linguisten führten zusätzlich immer wieder an, dass die Unterschiede etwa zwischen dem amerikanischen englisch und dem britischen englisch oder zwischen hochdeutsch und der österreichischen Variante wesentlich größer seien als die Unterschiede zwischen bosnisch, kroatisch, montenegrinisch und serbisch. Doch änderte dies nichts an dieser hoffnungslos politisierten Diskussion, heute gibt es vier Amtssprachen. Obwohl zwischen diesen vier Sprachen überhaupt keine Verständigungsprobleme oder höchstens geringe vorhanden sind, wurden aus politischen Gründen Dialekte zu eigenständigen Sprachen erhoben.
In Bosnien und Herzegowina zogen die Bosniaken nach der angestoßenen Sprachdiskussion zwischen Kroatien und Serbien noch während des Bosnien-Krieges nach und bildeten ihre eigene Sprache heraus. Dabei wurden für das offizielle bosnisch besonders die vielen aus der Zeit des Osmanischen Reichs verbleibenden Turzismen etabliert, die auf das heutige türkisch zurückgehen. Auffälig ist dabei, dass in der Vorkriegszeit alle Bürger unabhängig der Religion und Nation die Turzismen zuweilen verwendete, während heute die Bosniaken verstärkt ihre türkisch-muslimische Identität bemühen und die bosnischen Kroaten und Serben sich auf die Zunge beißen, um bloß keinen Turzismus herauszubringen.
Neben den oben angesprochenen verschiedenen Varianten des ekavisch, ijekavisch und ikavisch und vereinzelten Wörtern ist für mich nur noch ein tatsächlicher Unterschied zwischen kroatisch, bosnisch und serbisch zu beobachten. Wird auf serbischer Seite in kyrillischer Schrift geschrieben, so verwenden die Kroaten und Bosniaken für ihr kroatisch und bosnisch die lateinische Schrift. Natürlich wird in Bosnien und Herzegowina dem entsprechend in der serbischen Republik auf kyrillisch geschrieben, hingegen in der bosniakisch-kroatischen Föderation lateinisch. Wer nicht beide Schriftarten beherrscht, kann also die Verkehrsschilder eines gesamten Landesteils nicht lesen.
Verkehrsschilder in der Republika Srpska auf kyrillisch
Auffällig sind außerdem in allen Sprachen oder der einen Sprache, dass zuweilen Wörter aus dem Deutschen entstammen. Dies ist auf die austro-ungarische Herrschaft zurückzuführen, als in Kroatien und Bosnien-Herzegowina auch viel deutsch gesprochen wurde. So gibt es die Germanismen Kindergarten oder Bademantel in ihrer Reinform, Auspuh (Auspuff) und Vesmasine (Waschmaschine) in Varianzen und die Bezeichnung Sminker in neuer Herausbildung, die selbst der deutschen Sprache fehlt. Mit Sminker bezeichnet man nämlich aufbauend auf Schminke jene eitlen Schicki-Micki-Menschen, die besonders viel auf ihren feinen Stil achten. In dieser Sprache benutzt dafür lediglich die Bezeichnung Sminker (männlich) oder Sminkerica (weiblich). Auf diese Weise ergänzt diese Sprache sogar meinen deutschen Wortschatz, aus dem das Wort ursprünglich kam.
Traurig am heutigen Status der Sprachen sind die vielen infantilen Schikanen, die künstlich unter dem Deckmantel eines Sprachproblems bemüht werden. Denn über Jahrhunderte konnten sich die Menschen ohne Probleme verständigen und auch ich kann mich mit dieser Sprache ohne Probleme verständigen. Manchmal muss ich die Sprache vor dem Gespräch mit einem Serben zuvor als serbisch, mit einem Kroaten zuvor als kroatisch und mit einem Bosniaken zuvor als bosnisch deklarieren. Doch natürlich lachen im serbokroatischen Sprachraum auch viele über das Sprachproblem. Teilweise werde ich mit einem verschmitzten Lächeln gelobt, dass ich es schaffe, zeitgleich vier Sprachen zu lernen und dies mit nur einmaligem Erlernen einer Grammatik und eines Wortschatzes. Doch gibt es immer wieder Menschen wie diesen Grenzbeamten.
In der Republika Srpska, dem serbischen Teil Bosnien und Herzegowinas war es etwa einem bosniakischen Lehrer nicht vergönnt, eine Lehrstelle im serbischen Teil auszuüben. Die Begründung: er kann kein serbisch sprechen. Bezieht man dieses Beispiel auf Deutschland, dann könnte ein Österreicher in Deutschland keinen Beruf ausüben, weil er nur österreichisch und nicht deutsch sprechen könnte.
Vor Kurzem sprach ich mit einer Freundin aus Wien, die Slawistik studiert und daher mit der Sprachproblematik vertraut ist. Ich erzählte ihr von dem Grenzbeamten. Sie gab mir einen Tip, den ich sobald wie möglich umsetzen werde: In Zukunft werde ich bei entsprechenden Menschen nur noch sagen "ich spreche Ihre / Deine Sprache". Das sollte schlussendlich keine Probleme bereiten.
Am Gesprächsende bedanke ich mich für den Tip und füge an "es war schön, mal wieder mit dir zu schnacken!". Sie fragt mich verwundert: "Was bedeutet schnacken?". Etwas irritiert entgegne ich "Reden, Sprechen, kennst du das nicht?". "Naaaa, sowas ham ma hier net" antwortet sie in breitem Wienerisch. Ich verstehe, dass das bedeutet "Nein, so etwas haben wir hier nicht." und lache. Es ist beruhigend, dass ein Bürgerkrieg im deutschen Sprachraum mit sich anschließender Sprachdiskussion nicht abzeichnet. Das würde meine Lieblingszahl 13 weit übersteigen. Es wäre wohl so schlimm wie der Turmbau zu Babel.
