Bajram-Sonderedition: Bosnischer Bajram in der Moschee (Teil II)
Da bereits schon am nächsten Morgen um 6 Uhr früh das spezielle Morgengebet anlässlich der Bajram-Feierlichkeiten statt findet, gehen Adnan und ich früh zu Bett. Für die muslimischen Männer ist der Gang zur Moschee an diesem Tag verpflichtend, während die muslimischen Frauen freiwillig in die Moschee kommen können. Da aber die Moscheen gut gefüllt sein werden an diesem Tag, gehen in Fojnica nur Männer zum Gebet.
Um 6 Uhr morgens gehen also Adnan und ich am nächsten Tag los. Es ist kalt, ein paar Grad unter Null, der erste Schnee liegt auf den Tannen um das Fojnica-Tal. Abgesehen vom Gebetsruf ist alles ruhig und doch merkt man sofort im Zentrum Fojnicas eine feierliche Geschäftigkeit. Die Männer gehen schnell zum Gebet, viele von ihnen sind schon zu spät. Adnan und ich nehmen auf einem Balkon in der Moschee Platz. Der Balkon in dieser Moschee ist gewöhnlich für die Frauen bestimmt, damit sie während des Gebets nicht von den Männern angesehen werden können.
In anderen Moscheen ist die Aufteilung so gestaltet, dass die Frauen hinter den Männern sitzen. Halb scherzend, halb ernsthaft sagte ein Hodza zuvor zu mir "Mohamed kannte die Männer sehr gut, deswegen hat er diese Aufteilung in den Moscheen getroffen, weil die Männer doch immer wieder zum Jungenhaften zurückkehren. Wenigstens in der Moschee sollte das nicht so sein."
Auch das Tragen eines Kopftuchs hat nicht vordergründig mit einer chauvinistischen Grundhaltung zu tun. Es geht dabei vielmehr darum, die erotischsten Teile der Frau auf der Straße den Männern gegenüber zu verbergen. Das sind nach Vorstellung des Islams die Brüste, die Schultern und am meisten die Haare. Die Haare sind Zentrum der ganzen Weiblichkeit und der Kraft des weiblichen Geschlechtes, wie mir Neira, eine gute Freundin und überzeugte, aber dennoch liberale Muslima erklärte. Sie trägt kein Kopftuch, aber sie erklärte, dass es dabei in den Anfangszeiten des Islams um dem Schutz der Frau ging. Frauen wurden zuvor reihenweise vergewaltigt, sie besaßen nahezu keine Rechte. Durch die strenge und konsequente Einführung des Islams in vielen arabischen Ländern gelang es, dass die Frauen an Rechten dazugewannen. Durch die Verschleierungen waren sie nicht mehr in ihrer Schönheit für die Männer sichtbar, zumindest nicht auf offener Straße.
Verhüllte Frauen in Sarajevo
Auch die vermeintlich gewalttätige und fundamentalistische Grundhaltung des Islams ist bei dieser Bajram-Feierlichkeit in der bosnischen Moschee nicht spürbar. Zu Beginn der heute 1 ½ Stunden währenden Predigt des Hodzas hören die Männer noch andächtig zu. Bald aber werden sie ungeduldig und da wir dicht gedrängt im Hinterzimmer des Balkons sitzen, fangen auch die ersten Männer an zu reden. Neben mir sagt der Onkel Adnans, den ich aus der Gastfamilienzeit gut kenne "Joj, seit einer Woche erzählt er uns das Gleiche, sind wir hier in der Schule?".
Unter den Jugendlichen wird grinsend und scherzend beratschlagt, ob man abends Rakija oder Bier trinken wird. Alkohol ist nach den Regeln des Islams streng verboten und beim Kleingeld, das die Erwachsenen den Jugendlichen und Kindern zustecken sagen sie stets "Für einen Saft, nimm!".
Aber auch der Hodza scheint es mit dem Alkoholverbot nicht allzu konsequent zu meinen. So betont er in seiner Predigt: "Heute Abend an Bajram sollt ihr nicht alleine sein! Geht aus mit euren Freunden, geht feiern! Hier in Fojnica ist im Café Fash die Heineken-Party, geht doch dorthin!". Und so verbringen die meisten Männer und Jugendliche den Restteil der schlecht hörbaren und zähen Predigt leise miteinander scherzend. Schließlich wird nach der Predigt der Höhepunkt der Pilgerreise mit einem Sondergebet gefeiert. Nach dem Gebet schütteln alle Moscheebesucher einander herzlich die Hand und sagen "Bajram baricula", was auf arabisch "Erfülltes Bajram" bedeutet.
Diejenigen, die mich kennen und wissen, dass ich Deutscher bin, freuen sich besonders, dass ich als Christ zum Bajramgebet gegangen bin. Gemeinsam mit Adnan gehe ich auf den nahe gelegenen Friedhof, wo für die Toten aus der eigenen Familie gebetet wird. Anlässlich der Bajram-Feierlichkeiten geht man zu den einzelnen Gräbern und spricht für jeden Verstorbenen ein Gebet.
Der muslimische Friedhof in Fojnica an Bajram
