Bajram-Sonderedition: Gaben verteilen (Teil IV)

von Lukas David Meyer, 19 Jahre
aus Sarajevo, Bosnien und Herzegowina
Projekt SHL-Office
03.06.2009 13:09 Alter: 3 Monat(e)

Schliesslich gibt es wieder Arbeit für Adnan und mich. Die Kuh wurde inzwischen aufgehängt, damit sie nun für die Ausnehmung vorbereitet wird. Das Fleisch der Kuh wird in viele Teile zerlegt und Adnan und ich bewachen die zur Metzgerei umfunktionierte Garage, damit keine Katze eintritt und das Fleisch stiehlt. Aus der Haustür kommt die Frau des Metzgers und wünscht uns ?Bajram Baricula!?. Sie bringt zwei kleine köstliche Kuchenstücke, die ich sofort esse. Adnan isst nur eins und sagt mir ?Du solltest den ganzen Tag über immer ein bisschen von Allem essen. So bist du höflich, aber dir wird nicht so schlecht am Ende des Tages.?.

 

Es ist Mittag geworden, Adnan und ich gehen nach Hause. Zu essen gibt es die eine Stunde zuvor noch lebendige Leber der Kuh, die in einer Pfanne gegrillt wurde und Pita. Ich entscheide mich für Pita, also eine Blätterteigtasche mit Kartoffel-, Fleisch-, oder Spinatfüllung, die besonders bei meiner Gastmutter Kasema wundervoll schmeckt. Wieder esse ich zu viel und vergesse Adnans Rat. Gegen Ende des Tages werde ich mit Bauchschmerzen denken, dass ich besser auf Adnan hätte hören sollen.

 

Pita: Hier mit Spinatfüllung

Später wird das entnommene Fleisch präpariert. Gemeinsam mit Aida und Adnan, meinen Gastgeschwistern, lege ich die vom Metzger in kleine Teile geschnittenen Fleischportionen in kleine Plastiktüten. Normalerweise übernehmen Kinder die Verteilung der Fleischportionen. Sie gehen von Haus zu Haus, wünschen ?Bajram baricula? und bekommen dafür Süßigkeiten oder ein wenig Kleingeld (?für einen Saft?) zugesteckt. Da aber Aida, Adnan und ich gewissermaßen die Kinder im Hause sind, übernehmen wir die Verteilung.

 

Dieses  Ritual hat den Sinn, dass die Gemeinschaft erhalten bleibt. Ein Drittel des geopferten Fleisches geht an die Armen im Wohnort, ein Drittel an die Familie und Bekannte und ein Drittel bleibt im Haus. So besucht man bei der Verteilung auch Menschen, zu denen man gewöhnlich nicht kommt. Besonders Kranke werden aufgesucht, um zu signalisieren, dass man an sie denkt und sich nach dem Gesundheitszustand zu erkundigen. Bei nahezu jedem zweiten Haus werden wir eingeladen doch Platz zu nehmen und eine Kleinigkeit zu essen. Um aber nicht vollkommen an Überessung zu leiden, lehnen wir meistens ab, um weiter zu ziehen. Hin und wieder bleiben wir, es gibt wiederum köstlichen Kuchen, ich esse wiederum zu viel. Mein Bauch fängt an zu schmerzen, aber selten empfand ich einen so wohltuenden Schmerz. Abgesehen von dem bisschen Leber, was ich zu Mittag gegessen hatte, aß ich nur Köstlichkeiten. Ein wahres Festessen, das über den ganzen Tag verteilt ist, findet an Bajram statt.

 

Gegen Nachmittag kommen wir zu Hause an, wo wir im Wohnzimmer Platz nehmen. Diesen Tag und den nächsten Tag werden wir mit den Besuchen verschiedener Freunde und Verwandter verbringen. Manche von ihnen kenne ich nicht, aber alle freuen sich über Bajram. Sie lächeln mich an, reden ein wenig mit ihr und genießen diesen Feiertag aus vollen Zügen. Im Fernsehen läuft ein spezielles Schlagerprogramm mit teilweise mäßig begabten Sängern. Aber man kann keinem einzigen Sänger vorwerfen, dass er nicht sanft sänge.

 Halid Beslic, bosnischer Sänger, ist auch an Bajram überall zu sehen

So verbringt man in aller Ruhe die Tage mit der Familie und den Freunden, redet miteinander mit der Muße, die man sonst nicht hat und erfährt neue Dinge übereinander, die zuvor der Alltag oder die fehlende Zeit verschluckt hatten.

Adnan wird von einer alten Frau angerufen, die ihn als kleinen Jungen während der Asylzeit meiner Gastfamilie in Deutschland erlebte. Damals lebten sie gemeinsam in einen Asylbewerberheim in xy und Adnan spielte mit dem inzwischen verstorbenen Mann dieser Frau. Sie hat Adnan ins Herz geschlossen und ruft seitdem der Krieg vorbei ist und Adnan mit seiner Familie in Fojnica und sie im Nordosten Bosniens lebt jedes Jahr zu Bajram an.

 

Nachdem ich ein wenig erschöpft  vom vollen Tag und vollen Bauch bin, setze ich mich aufs Sofa und schaue mit Aida zusammen die Nachrichten an. Im Osten Bosniens haben serbische Radikalisten eine Moschee in der Vornacht zu Bajram angezündet. Sie ist komplett ausgebrannt, sodass die Menschen vor Ort Bajram praktisch nicht feiern konnten. Traurig erzählt der Hodza dieser Moschee von Drohbriefen, die er zuvor bekommen hatte. Bei aller Schönheit ? Bajram kann nicht über die Probleme Bosniens hinwegtäuschen.